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Lärm-Ärger durch Motorräder: Landkreise greifen zu neuen Maßnahmen

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Von: Andree Wächter

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Das Knattern der Motorräder ist für Biker Musik in ihren Ohren, für andere purer Lärm. Displays sollen auf die Lautstärke hinweisen.

Im Frühjahr beginnt für viele Biker die Motorradsaison. Mit ihren Harleys, Suzukis, Kawasakis oder Yamahas sind sie unterwegs. Frei nach dem Motto der Musiker von Torfrock: „Wir ridern easy über Berg und Tal - Stoppen kann uns nur ein Begrenzungspfahl.“ Den Motorensound mögen nicht alle. Von Lärmbelästigung ist dann die Rede. Es gibt klare Vorgaben für die maximale Lautstärke eines Motorrads. Das Problem liegt in der Wahrnehmung begründet. Denn einfach einen Dezibel-Wert festlegen, sagt nicht viel aus.

Ruhiges Atmen10 dB
Sprechlautstärke60 dB
Kettensäge120 dB
Düsenjet140 dB

Motorräder dürfen maximal 77 Dezibel (dB) laut sein. Das entspricht in etwa dem Klang eines Klaviers. Das Problem: Dieser Wert wird bei realitätsfernen Tests ermittelt. Eine ganze Menge von Parametern spielen eine Rolle, wie Leistung und Gewicht des Motorrades. Schlussendlich wird die Lautstärke bei 30 bis 40 Kilometern pro Stunde gemessen.

Lautstärke hat auch immer etwas von subjektiver Wahrnehmung zu tun. Auf einem Musikfestival wie dem Hurricane können auch 90 Dezibel erreicht werden. Vermutlich haben die Konzertbesucher keine Probleme damit. Ein tropfender Wasserhahn kann – trotz geringer Lautstärke – sehr nervig sein.

Kurzum: Es scheint ein Unterschied zu sein, wo ich die dB auf die Ohren bekomme. Dezibel ist aber nur eine Hilfsmaßeinheit zur Angabe des Schalldrucks. Wie man Lautstärke wahrnimmt, hängt daher nicht nur von der dB-Zahl ab. Ein weiterer Faktor ist die Frequenz. Die Kombination macht es „laut“. Sehr niedrige Frequenzen hört man nicht – egal wie viel dB sie haben.

Lärm durch Motorräder: Landkreis stellt Display auf

Nun will der Landkreis Holzminden Lärmdisplays installieren. Mit deren Hilfe sollen Motorradfahrer auf die Lautstärke ihrer Maschinen hingewiesen werden. Damit will der Landkreis vom Motorradlärm geplagte Bürgern in der Region entlasten, wie ein Sprecher des Kreises sagte.

Vier Displays sollen laut dem Landkreis an verschiedenen Ortsausgängen an Land- und Bundesstraßen aufgestellt werden. Die Geräte messen die Lautstärke von Motorrädern und zeigen sie auf einem Monitor an, ähnlich wie bei Geschwindigkeitsmessungen etwa in Baustellen oder an Schulen. Das soll Biker dazu bewegen, langsamer und damit leiser zu fahren. Die Geräte sammeln außerdem Daten zum Verkehrsaufkommen.

Auf die Fahrerlaubnis hat die Lautstärke der Motorräder keinen Einfluss. Das könnte sich in Zukunft möglicherweise ändern. Denn in Holzminden wird immer wieder über das sogenannte Tiroler Modell diskutiert. In Teilen des österreichischen Bundeslandes Tirol dürfen Motorräder mit einem Standgeräusch von mehr als 95 Dezibel nicht mehr fahren. Aktuell ist eine solche Regelung aber ebenso wenig vorgesehen wie Rüttelstreifen auf den Straßen oder generelle Streckensperrungen.

Bei einer Kontrolle wird die Lautstärke des Motorrads gemessen. Wer zu laut ist, muss mit einem Bußgeld rechnen.
Bei einer Kontrolle wird die Lautstärke des Motorrads gemessen. Wer zu laut ist, muss mit einem Bußgeld rechnen. © Daniel Bockwoldt/dpa

Der zwischen der Weser und dem Solling gelegene Landkreis Holzminden ist für viele Motorradfahrer ein beliebtes Ausflugsziel. Vor allem an Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt seien viele Biker auf den Straßen der Region unterwegs, sagte der Landkreissprecher. Über ein Jahr gesehen machen die Biker laut einer Verkehrszählung aus dem Jahr 2021 unter zehn Prozent des Verkehrsaufkommens im Kreis Holzminden aus. Die Zählung wird in diesem Jahr fortgeführt, auch um mögliche Einflüsse der Corona-Pandemie zu erkennen.

Im Weserbergland führt auch eine spezielle Kontrollgruppe der Polizei über das Jahr verteilt mehrfach Kontrollen an bekannten Strecken und Treffpunkten von Motorradfahrer durch. Sie messen die Geschwindigkeit und untersuchen Motorräder auf mögliche technische Manipulationen. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren teilweise Leitplanken umgebaut, um sie für Biker sicherer zu machen.

Motorräder und Sicherheit: Aktionstag in Martfeld

Lärm durch Motorräder war auch immer ein Thema in Martfeld (Landkreis Diepholz). Das Bistro Stevens ist ein Treffpunkt für Biker. Doch am Sonntag, 15. Mai, ab 13 Uhr dreht sich alles um die Verkehrssicherheit. Es heißt dann: „Kaffee statt Knöllchen“. Die ist eine Aktion des Präventionsteams in den Polizeiinspektionen Diepholz und Verden/Osterholz.

Die Ursachen für schwere Verkehrsunfälle mit Motorradpiloten seien vielfältig: Durch ihre schmale Silhouette sind sie weniger gut zu sehen als ein Auto. Durch das Fehlen der Knautschzone sind ihre Körper bei einem Unfall in direkter Gefahr. Die beiden Polizistinnen Lena Bavendiek und Anika Wrede betonen in einer Pressemitteilung, dass die Kradfahrer oft gar keine Schuld treffe. Jeder sollte sich aber bewusst sein, viel für die eigene Sicherheit tun zu können.

Infotag für Biker: Pävention auf Augenhöhe

Ebenfalls geplant sei eine Station mit Erste-Hilfe-Tipps. Auch Unterstützung dabei, wie ein Motorrad richtig auf einem Anhänger gesichert wird, soll angeboten werden. Die Veranstalter wollen außerdem Antworten darauf geben, was ein Fahrer im toten Winkel neben einem Lkw beachten muss. Nicht zuletzt werde es einen Stand mit Motorradausrüstung geben. Am Aktionstag gehe es nicht um Belehrung von oben herab, sondern „um Prävention auf Augenhöhe“, betont die Polizei. Es werden einige motorradfahrende Polizisten mit ihren privaten Krädern dabei sein, aber auch E-Motorräder der Polizei.

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