„Jeden Tag ein neues Abenteuer“

Europawahl: Detlef Drewes spricht über seine Arbeit als EU-Korrespondent

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EU-Korrespondent: Detlef Drewes

Plenarsitzungen verfolgen, mit Regierungschefs sprechen und die Entscheidungen, die in der Europäischen Union getroffen werden, für die Leser verständlich darstellen. All das gehört zum Arbeitsalltag von Detlef Drewes. Er ist EU-Korrespondent und schreibt regelmäßig für die Kreiszeitung.

Brüssel - Von Farina Witte. Am 26. Mai entscheidet sich, welche Volksvertreter in das Europäische Parlament einziehen. Dort sitzen zurzeit 751 Abgeordnete. Hinzu kommen die Kommission und der Rat der EU. Eine Menge Entscheider spielen also eine Rolle. Detlef Drewes spricht im Interview über den Alltag der Politiker – aber auch über seinen eigenen.

Herr Drewes, es gibt eine große Bandbreite an Themen, die die Europäische Union während einer Woche beschäftigen. Wie wählen Sie als Korrespondent aus, worüber Sie berichten?

Das ist jeden Tag ein neues Abenteuer, um ehrlich zu sein, weil der europäische Gesetzgebungsprozess auch sehr lange dauert. Da muss man sich als Korrespondent überlegen: Steige ich da jedes Mal ein? Oder wo ist eigentlich der Punkt, an dem ich sage, da steige ich zum ersten Mal ein? Das Kriterium ist immer wieder: Was berührt den Bürger in Deutschland? Welche Auswirkungen hat die Entscheidung, die heute in Brüssel gefällt wird, morgen für den Leser in Deutschland? Und ich glaube, darum geht es letztlich. Denn das, was hier in Brüssel oder in Straßburg stattfindet, ist kein Selbstzweck, sondern eine politische Ebene von allen – da gibt es den Bund, das Land, die Kommune, und Europa gehört eben auch dazu. Deswegen muss man dem Leser sagen: Das betrifft dich, was hier passiert.

Da sind Sie in der Funktion wahrscheinlich auch sehr häufig im Parlament. Wie oft sind Sie bei Plenarsitzungen dabei?

Da muss ich oft mitmachen, aber nicht immer. Es gibt auch Wochen, in denen zwar wichtige Themen auf der Tagesordnung stehen, ich aber nicht persönlich vor Ort sein muss. Ich kann die Parlamentsdebatten auch über das Internet verfolgen. Man kann Themen auch betreuen, wenn man nicht persönlich da ist – das muss man von Fall zu Fall entscheiden.

Als Journalist haben Sie auch die schwierige Aufgabe, komplizierte Behördensprache in verständliches Deutsch zu übersetzen. Saßen Sie da schon Mal vor einem Thema und haben sich gedacht: Puh, das wird jetzt schwierig?

Oh ja! Ich erinnere nur an die Berichterstattung über die Finanzkrise. Da wurden wir natürlich permanent mit Fremdwörtern beworfen. Alle politischen Systeme, ob Bund, Land oder Europa, haben ihre Fachsprache und vor allem ihre entsetzlichen Abkürzungen. Und wenn die hier in Brüssel miteinander reden, dann natürlich auch nur in dieser Fachsprache. Man muss es dem Leser so anschaulich wie möglich übersetzen, damit er verstehen kann, was hier passiert.

In dem Beruf ist man eher Beobachter aus der zweiten oder dritten Reihe. Wie nah kommt man denn da an die Politiker heran? Haben Sie vielleicht Bekanntschaften oder sogar Freundschaften?

Das ist hier in Brüssel sogar sehr viel einfacher als in Berlin. Ich persönlich habe eine ganze Reihe von Freunden, die auch Abgeordnete sind. Wobei man da natürlich auch immer eine Linie ziehen muss, bis wohin Freundschaft geht. Und die wissen auch, dass sie mir als Freund bestimmte Sachen erzählen können, die nicht unbedingt sofort verwendet werden. Es gibt auch Treffen mit Staats- und Regierungschefs, wo wir auch mal nur mit 20 Korrespondenten zusammen sind. Die Bundeskanzlerin zum Beispiel sucht regelmäßig die Gespräche mit uns Korrespondenten, einfach deshalb, weil sie auch erklären will, warum Deutschland in einer bestimmten Frage so agiert. Etwas Ähnliches tun auch andere Staats- und Regierungschefs. Ich habe Gespräche mit Sarkozy gehabt, mit Theresa May, auch mit Silvio Berlusconi, weil es denen einfach wichtig ist, auch gerade nach Deutschland auszustrahlen, um einfach zu erklären, warum sie in einer bestimmten Entscheidung diesen Kurs fahren.

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Dann beherrschen Sie wahrscheinlich auch mehrere Sprachen.

Ja, ich spreche Englisch, Französisch und auch ein bisschen Flämisch, aber ich verstehe es sehr gut. Ich habe auch ein paar andere Sprachen gelernt, die ich aber hier nicht so oft brauche. Ohne Fremdsprachenkenntnisse kommt man hier in der Tat nicht weiter. Und das ist zum Beispiel eine große Stärke des Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der bei internationalen Empfängen wirklich ständig wechseln kann – von Deutsch nach Englisch, nach Französisch, nach Italienisch, und ich glaube, Spanisch spricht er auch noch.

Wie lange sind Sie denn als Korrespondent in Brüssel tätig?

Ich bin jetzt mehr als 14 Jahre hier in Brüssel und die kommende Europawahl ist die vierte, die ich mitmache.

Wie würden Sie sagen, hat sich ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

Die Arbeit hat sich sehr verändert, und zwar, weil das Interesse der Redaktionen und auch der Leser an Europa sehr viel größer geworden ist. Ich höre zwar immer die Klagen darüber, vor allem von Kollegen, die sagen, dass es so schwierig ist, die Redaktionen für europäische Themen zu gewinnen. Meine Erfahrung ist das gar nicht. Das Interesse ist gewachsen, und auch das Bedürfnis, dieses Konstrukt Europa zu verstehen.

Das Parlament tagt sowohl in Brüssel als auch in Straßburg. Ist das nicht ein unglaublich großer Aufwand?

Das ist sogar ein riesiger Aufwand, der auch jedes Jahr viel Geld kostet: Rund 200 Millionen Euro. Aber es ist eine historische Verpflichtung. Das Europäische Parlament gehört nach Frankreich, das steht so in den Verträgen. Das ist eine Zusage, die man Frankreich gegeben hat und die man auch nur ändern könnte, wenn alle Staats- und Regierungschefs einstimmig – also auch der französische – dazu Ja sagen würden. Und das ist nahezu illusorisch. Insofern bleibt es bei diesem Symbol, was sich auch eigentlich ein wenig überlebt hat, und was auch viele Abgeordnete als lästig empfinden. Ihnen fehlt in Straßburg natürlich völlig die Rückbindung an die Kommission, an die Vertreter der Mitgliedsstaaten und so weiter.

Wie oft müssen die Abgeordneten zwischen Straßburg und Brüssel pendeln?

Der Vertrag legt fest, dass sie zwölf Wochen im Jahr in Straßburg tagen müssen. Und da es einen Monat Sommerpause im August gibt, muss irgendwann noch eine zweite Woche nachgeholt werden. Das wird meistens im September oder Oktober gemacht. Da tagt also das Parlament tatsächlich zweimal eine Woche in Straßburg.

Das Parlament ist sehr groß, und es werden alle Amtssprachen der Mitgliedsstaaten verwendet. Wie kann man sich die Kommunikation im Sitzungsalltag vorstellen?

Das ist ein riesiger Aufwand, der dort betrieben wird. Es gibt 24 Amtssprachen, die am häufigsten benutzten sind Englisch, Französisch und Deutsch. Es gibt 2 500 Dolmetscher, die jedes Jahr zwei Millionen Seiten an Rechtstexten übersetzen. Es findet praktisch keine Veranstaltung statt, bei der nicht wenigstens nach Deutsch, Französisch und Englisch übersetzt wird, je nachdem was die Ausgangssprache ist. Aber die meisten amtlichen Dokumente müssen in alle 24 Amtssprachen übersetzt werden. Nur andererseits muss man natürlich sagen, man kann niemanden zwingen auf seine Sprache zu verzichten. Deswegen sagen alle, dieser Aufwand lohnt sich und muss beibehalten werden, weil die Sprache natürlich so etwas wie die Identität eines Mitgliedsstaates ist.

Immer mal wieder ist die Rede von einem aufgeblähten Beamtenapparat in Brüssel. Was ist dran an diesem Vorurteil?

Das kommt darauf an, womit man es vergleicht. Es ist in der Tat so, dass wir hier über 35 000 Beamte und Angestellte bei der Europäischen Kommission haben. Dann kommt noch das Parlament mit seinen derzeit 751 Abgeordneten dazu. Die haben alle noch drei, vier Assistenten. Dann gibt es die Verwaltung des Parlaments dazu, wir haben noch den Rat, also die Vertretung der Mitgliedsstaaten, der ja auch permanent besetzt ist. Wenn man das aber mit einer deutschen Großstadt wie Berlin oder München vergleicht, dann ist der Personalbestand absolut in Ordnung. Von den rund 150 Milliarden Euro, die die Europäische Union jedes Jahr ausgibt, bleiben gerade mal fünf Prozent in Brüssel für Personal und die Verwaltung. Und das ist, wenn man das mit internationalen großen Konzernen vergleicht, absolut im Schnitt. Das gibt es Konzerne, die haben sehr, sehr viel höhere Personalausgaben.

Trotzdem sind es viele Menschen, die da zusammenarbeiten, Kompromisse finden und Entscheidungen treffen. An der Stelle kann man auch das Stichwort Lobbyismus nennen. Ohne den geht es in der Politik nie. Wie relevant ist da das Netzwerken in Brüssel?

Das ist entscheidend. Es gibt in Brüssel rund 18 000 Lobbyisten, wobei ich dieses Wort eigentlich nicht so richtig mag. Zunächst einmal sind das einfach auch nur Fachverbände und die Landesvertretungen – auch das Land Niedersachsen hat hier seine eigene Vertretung. Wir wollen eigentlich immer, dass die Politik, die Gesetz erlässt, sich doch mal zuvor erkundigt, ob das eigentlich sinnvoll ist. Ich würde diese Praxisprüfung nicht zu gering einschätzen. Das hat mehrfach dazu geführt, dass Gesetze angepasst wurden, weil sie nicht praktikabel waren. Aber es gibt natürlich auch den Versuch, den eigenen Standpunkt durchzusetzen. Als es hier um die Nichtraucher-Gesetzgebung ging, da hat Phillip Morris extra Berater eingekauft, die sich mit den Abgeordneten und Journalisten getroffen haben. Natürlich gibt es das. Aber die europäischen Institutionen haben in den letzten Jahren versucht, für mehr Transparenz zu sorgen. Es gibt eine sogenannte Transparenz-Liste. Dort muss jeder Lobbyist, der Kontakt zu den europäischen Institutionen, also auch zu den Abgeordneten, haben will, den Zugang beantragen. Dann muss er offenlegen, von wem er finanziert wird, welche Interessensgruppe dahinter steht, und es wird jeweils erfasst, mit wem er spricht. Diese Offenheit ist beispielhaft. Im Deutschen Bundestag gibt es das nicht.

Zur Person

Detlef Drewes, Jahrgang 1955, ist ein freiberuflicher Journalist und schreibt für verschiedene deutsche Tageszeitungen über die EU. Der Auslandskorrespondent hat Büros in Brüssel, Paris und London. Er hat Theologie und Sozialpsychologie studiert und war anschließend Redakteur für Gesellschafts- und Sozialpolitik. Eine weitere Station war das Ressort Politik und Wirtschaft bei der „Augsburger Allgemeinen“, das er leitete. Seit 2004 ist Drewes als Auslandskorrespondent in Brüssel tätig. Dort sind seine Schwerpunkte neben der EU-Berichterstattung die Nato sowie die Länder Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich.

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Quelle: kreiszeitung.de

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