Prozess in Lüneburg

Einer von ihnen - ein Richter wird verurteilt

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Der Angeklagte Jörg L. (2.v.r) steht neben seinen Verteidigern Johannes Altenburg (2.v.l.) und Oliver Sahan (r.).

Lüneburg - Von Peer Körner. Die Karriere ist zu Ende, das Urteil gesprochen: Der Fall des korrupten Richters, der Examenslösungen verkaufte, ist beispiellos in Deutschland. Nun hat das Gericht den Mann ins Gefängnis geschickt. Für viele seiner Kunden ist das Verfahren noch nicht ausgestanden.

Vollkommen regungslos sitzt der Richter auf der Anklagebank, als er die Urteilsbegründung entgegennimmt. Grauer Anzug, blaues Hemd, die Hände gefaltet. Emotionen hat er während des Verfahrens kaum gezeigt, nur am Tag des Geständnisses war das anders. Zu fünf Jahren Haft hat das Landgericht Lüneburg ihn gerade verurteilt - das dürfte auch das berufliche Aus für den Familienvater bedeuten, inklusive Verlust der Pension. Eine Zukunft als Rechtsanwalt ist ihm damit ebenfalls verbaut.

Die Vorfälle waren beispiellos: Der ehemalige Referatsleiter im niedersächsischen Landesjustizprüfungsamt in Celle gestand, dass er angehenden Juristen Prüfungslösungen für das entscheidende Zweite Staatsexamen verkaufte, teilweise bot er sie auch nur für hohe Summen an. Er habe den Referendaren helfen wollen, sagte der 48-Jährige. Die meisten Betroffenen hatten einen Migrationshintergrund, für sie seien die Prüfungen besonders schwer gewesen.

Die Vorsitzende Richterin Sabine Philipp findet das verwerflich, wie sie am Donnerstag betont: „Er hat sich auch noch die Schwachen und Schlechten herausgesucht“, sagt sie. „Respekt gebührt denen, die das Angebot abgelehnt haben.“ Viel Mitleid mit den übrigen Referendaren hat sie nicht: „Es gehören zu solchen Unternehmungen ja immer zwei.“

Mindestens 15 Nachwuchsjuristen soll nun das Zweite Staatsexamen nachträglich aberkannt werden, gegen die Betroffenen wird gesondert verhandelt. Nach jahrelangem Studium stehen die einstigen Referendare damit vor dem beruflichen Nichts. Eine ganze Reihe von ihnen sagte als Zeugen aus, einige weinten dabei. Nach Zeitungsberichten sollen zwei Betroffene kurzzeitig als Proberichter im Landesjustizdienst tätig gewesen sein, einer als Staatsanwalt und eine als Verwaltungsrichterin. „Einige haben ihre Urkunden bereits zurückgeschickt“, heißt es im Ministerium.

Richterin Philipp betont, der Jurist habe nicht als Samariter gehandelt. „Außerdem hatte der Angeklagte durchaus seinen eigenen Vorteil im Blick, nämlich Geld und die Anbahnung sexueller Kontakte“, sagte sie. In seinem Geständnis räumte der 48-Jährige eine intime Beziehung zu einer der Referendarinnen ein.

Bei der Trennung im Februar 2014 hatte sich der Verdacht, wo eine undichte Stelle sein könnte, längst auf den Referatsleiter konzentriert. Sein Handy wurde überwacht, schließlich wurden Büro und Wohnung durchsucht. Der Richter flüchtete, wurde aber in einem Mailänder Hotel gefasst, mit 30.000 Euro in bar und einer geladenen Pistole. Auch eine Prostituierte soll bei ihm gewesen sein.

„Mit den Taten hat der Angeklagte das niedersächsische Prüfungswesen verraten und verkauft“, sagte Oberstaatsanwalt Marcus Röske. Außer Zeugenaussagen und überwachten Mobiltelefonen gab es als Beweis auch Computer-Dateien und SMS-Nachrichten. „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist“, sagte eine Zeugin.

Die Justiz hasse ihren Mandanten, behaupteten dagegen die Verteidiger, ein Exempel solle statuiert werden. Das wies die Vorsitzende zurück. Und tatsächlich war während des Verfahrens bei den Juristen eher ein ungläubiges Staunen, eine manchmal geradezu heitere Fassungslosigkeit zu beobachten - einer von ihnen soll es gewesen sein.

„Der Angeklagte sagte in seinem Geständnis, das wäre der größte Fehler seines Lebens gewesen - das ist wahr“, sagt Richterin Philipp. An diesem Freitag hat der Verurteilte Geburtstag - dann ist er 49 und keiner mehr von ihnen.

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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