Hintergrund: Suchtprobleme mit Alkohol

Familientragödie: Jugendamt rettet verwahrloste Kleinkinder aus „Spelunke“

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In diesem Gebäude lebten die Zweijährigen. 

Das Jugendamt des Landkreises Vechta hat am Montagabend in einer Werkarbeiter-Unterkunft in Dinklage zwei Kleinkinder in Obhut genommen. Sie sollen, so ergaben Recherchen dieser Zeitung, körperlich, sozial und seelisch verwahrlost vorgefunden worden sein. Demnach bestand Gefahr, dass die Zweijährigen verhungern und verdursten, weil eine verlässliche Betreuung nicht gegeben war. Ein Bewohner der Unterkunft, in der die Familie lebte, soll das Jugendamt informiert haben.

  • Mutter im Lohner Krankenhaus gestorben
  • Hintergrund: Suchtprobleme mit Alkohol
  • Jugendamt des LK Vechta rettet zwei „verwahrloste“ Kinder
  • Landkreis Diepholz: Kinder kommen in Einrichtung unter
  • Vier weitere Kinder halten sich in der „Spelunke“ in Dinklage auf

Dinklage/Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel, Matthias Niehues und Ulrich Suffner. Die Mutter der beiden Zweijährigen war am Morgen ins Lohner Krankenhaus gebracht worden und dort am Nachmittag verstorben. Das bestätigten Polizeikreise und auf Nachfrage auch der Landkreis Vechta. Der Vater soll beim Eintreffen des Jugendamtes in der Unterkunft gewesen sein. Hintergrund der Familientragödie sollen gravierende Suchtprobleme mit Alkohol gewesen sein.

Landkreis Diepholz: Kinder kommen in Einrichtung

Die beiden Zweijährigen sind nun in einer Einrichtung im Landkreis Diepholz untergebracht, die sich auf Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf spezialisiert hat. Deren Leiter bestätigte auf Nachfrage die Aufnahme zweier Kinder und dass eines unterernährt und auffallend blass gewesen sei. Aus Datenschutzgründen machte er jedoch keine weiteren Angaben. Fachkräfte mit langjähriger Erfahrung kümmern sich nun um die Kleinen.

Der Sprecher des Landkreises Vechta, Jochen Steinkamp, bestätigte auf Anfrage die Inobhutnahme der Kleinkinder, „um die weitere kindgerechte Betreuung sicherzustellen“. Sie seien ärztlich untersucht worden und ihr Zustand sei „nicht kritisch“. Sie seien „wegen einer fehlenden Betreuung in Obhut genommen“ worden. Das Jugendamt geht offenbar davon aus, dass eines der beiden Kinder am Fetalen Alkoholsyndrom leidet, das durch massiven Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ausgelöst wird. Die Folge sind körperliche und geistige Schäden, Fehlbildungen und Mangelentwicklung. Eine offizielle Aussage des Amtes gab es mit Verweis auf den Datenschutz nicht.

LK Vechta: Vier weitere Kinder im Gebäude

Nach Kenntnis des Jugendamtes halten sich vier weitere Kinder in der Immobilie auf, die nach Angaben des Landkreis-Sprechers als Hotelbetrieb firmiert. Diese Kinder seien „ebenso wenig wie die zwei in Obhut genommenen Kinder verwahrlost oder gefährdet“. Der Landkreis habe die Wohnverhältnisse „in Augenschein genommen“. Zahlreiche Zimmer in dem heruntergekommenen Gebäude werden nach Angaben aus Polizeikreisen von einem Dinklager Unternehmer an Werkvertragsarbeiter vermietet. Diese seien vornehmlich in der heimischen Schlachtbranche tätig.

Nach Angaben aus Behördenkreisen soll das Jugendamt schon vor Montag mehrfach unangemeldete Hausbesuche gemacht haben. Das Gebäude, laut O-Ton eines Polizisten „eine Hölle und Spelunke“, wird dreifach genutzt. Abends treffen sich dort in einem Café Migranten zum Kaffee, am Wochenende öffnet die Karaokebar.

Wirt: Vermieter kommt hin und wieder vorbei

Der Wirt des Cafés erklärte, dass Polizei vor Ort gewesen sei und zwei Kinder aus dem Haus geholt habe. Dass deren Mutter verstorben sei, bestätigt er ebenfalls. Zu den Zuständen in den Wohnungen verwies der Wirt auf einen Vermieter, der hin und wieder vorbei komme, dessen Telefonnummer er aber nicht kenne.

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