Verhütung

Die Pille: Sicheres Verhütungsmittel oder gefährlicher Hormoncocktail? 

Die Anti-Baby-Pille galt lange als Meilenstein für sichere Verhütung. Doch heute nehmen immer weniger Frauen das einst beliebte Verhütungsmittel. Vier Frauen berichten über ihre Erfahrungen.

Berlin – Nach wie vor ist die Pille in Deutschland das beliebteste Verhütungsmittel. Die Zahl der Personen, die sie nehmen, ist allerdings besonders unter jungen Frauen rückläufig. Nach Zahlen des AOK-Bundesverbands ist der Anteil der Pillen-Verordnungen bei den gesetzlich versicherten Mädchen und Frauen unter 20 Jahren in den vergangenen vier Jahren auf 31 Prozent im Jahr 2019 zurückgegangen. Seinen Höchststand hatte dieser 2010 mit 46 Prozent.

Gisela Malcher, 83, aus Doberlug-Kirchhain über die Anti-Baby-Pille: „Für uns war die Pille eine Befreiung“

Ich war 27 und lebte in der damaligen DDR, als die Anti-Baby-Pille auf den Markt kam. Meine ersten sexuellen Erfahrungen habe ich mit 17 Jahren gemacht. Damals sagt meine Mutter: „Pass auf und warte bis du verheiratet bist.“ Ich wurde trotzdem schwanger. Zweimal. So war es für viele junge Frauen in meiner Generation.

Die Angst um das Wegbleiben der Periode war besonders heftig. Für uns war die Pille eine Befreiung. Du konntest ohne Angst Sex haben. Tun und lassen, was du willst und selbst entscheiden, ob du ein Baby haben möchtest. Durch die Pille war ich entspannter, selbstbewusster und ausgeglichener. Ich hatte Freude an der Sache, der ich sonst oft aus dem Weg gegangen bin. Erst mit 60 Jahren habe ich die Pille abgesetzt, ich kam gut klar damit.

  • Die Pille gilt als eine sichere Verhütungsmethode – vorausgesetzt, sie wird richtig eingenommen.
  • Das bedeutet, dass sie an jedem Tag zur gleichen Zeit und nach der Pause immer pünktlich weitergenommen wird.
  • Pro Familia schätzt den Pearl-Index der Pille auf 0,1 bis 0,9.
  • Ein Pearl- Index von 1 gibt an, dass von 100 Frauen, die mit dieser Methode ein Jahr lang verhüten, eine Frau schwanger wird.
Laura hatte wegen der Pille extreme Stimmungsschwankungen und setzte sie deshalb ab.

Laura Michalski, 26, aus Essen erlebte mit der Pille als Verhütungsmittel extreme Stimmungsschwankungen: „Ich war unglücklich und agressiv“

Mit 14 Jahren habe ich angefangen, die Pille zu nehmen. Anfangs ging es mir gut, aber nach ein paar Jahren habe ich extreme Stimmungsschwankungen bekommen. Deshalb habe ich die Anti-Baby-Pille abgesetzt, als ich 22 Jahre alt war. Ich suchte permanent Streit mit meinem Partner, war unglücklich, aggressiv und hatte kaum Lust auf Sex. Ich merkte selbst, dass das nicht mein Charakter war, sondern die Hormone.

Seit dem Absetzen der Pille verhüte ich mit der Kupferkette. Im Gegensatz zur Pille oder der Hormonspirale gibt diese keine Hormone an den Körper ab. Damit geht es mir viel besser. Meine Stimmung ist gut, ich bin öfter glücklich als unglücklich. Ich habe auch wieder mehr Lust auf Sex. Der einzige Nachteil sind Unterleibsschmerzen und eine länger andauernde Periode, bis zu neun Tage habe ich sie. Aber auch das ist ok. Nie wieder will ich künstliche Hormone nehmen. Jede Person muss selbst herausfinden, welche Verhütungsmethode gut für sie ist. Da gibt es kein richtig oder falsch.

  • Die Kupferkette wird von einer Frauenärzt*in in die Gebärmutter der Frau eingelegt.
  • Bis zu fünf Jahre kann die Kupferkette dort bleiben, danach muss sie ausgetauscht werden.
  • Der Pearl-Index der Kupferkette liegt bei 0,1 bis 0,5.
Nina (32) hat die Pille abgesetzt, weil sie nicht mit den Nebenwirkungen klarkam.

Nina Lehmann, 32, aus Berlin über ihre Erfahrungen mit der Pille – starke Unterleibschmerzen mit der Anti-Baby-Pille als Verhütungsmittel

Ich hatte depressive Verstimmungen und Unterleibschmerzen. Als ich erfuhr, dass diese Probleme auch mit der Anti-Baby-Pille in Zusammenhang stehen können, habe ich das erste Mal darüber nachgedacht, sie als Verhütungsmittel abzusetzen. Mit 25 Jahren habe ich sie abgesetzt.

Psychisch ging es mir nach dem Absetzen deutlich besser, körperlich aber schlechter. Ich hatte Haarausfall und mehr als fünf Jahre extrem unreine Haut und weiterhin starke Unterleibschmerzen. Aber ich war einfach froh, dass meine Stimmung besser war. Heute weiß ich, dass mein Körper die Zeit gebraucht hat, um zu entgiften. Aktuell verhüten wir nicht, ich habe Endometriose und einen Kinderwunsch - bisher hat es aber nicht geklappt, auch wenn die Diagnose Endometriose mir nicht das Leben versaut hat.

Anna (28) nimmt die Pille, seit sie 15 Jahre alt ist. Bisher hatte sie damit keine Probleme.

Anna Maqua, 28, aus Alsdorf ist mit der Pille als Verhütungsmethode zufrieden – Anti-Baby-Pille, um Unterleibsschmerzen vorzubeugen

Mit der Pille als Verhütungsmethode bin ich zufrieden. Ich nehme die Anti-Baby-Pille, seitdem ich 15 bin. Ich hatte damals heftige Unterleibsschmerzen. Das war für mich der Hauptgrund, mit der Pille anzufangen. Davor konnte ich wegen der Schmerzen zeitweise nicht zur Schule gehen oder musste eher nach Hause, weil es nicht auszuhalten war. Auch ihre Periode dauerte oft mehr als eine Woche. Seitdem ich die Pille nehme, hat sich das verändert. Ich habe kaum Schmerzen, wenn überhaupt einen Tag sehr leichte. Zudem ist die Dauer meiner Periode deutlich kürzer. Noch heute nehme ich das Präparat, das ich mit 15 Jahren verschrieben bekam.

Für mich kommt es gerade nicht infrage, das Verhütungsmittel zu wechseln. In meinem Freundeskreis haben sich viele Frauen gegen die Pille entscheiden. Auf mich wirkt es so, als ob es in Mode ist, die Pille abzusetzen. Was natürlich auch vollkommen in Ordnung ist, wenn sich eine Frau mit dieser Verhütungsmethode nicht wohlfühlt. Weil ich aber nie Probleme hatte und gut damit klarkomme, habe ich nie daran gedacht. Sobald wir Nachwuchs planen konkreter wird, werde ich die Pille absetzen. Ein wenig Sorgen habe ich schon, vor möglichen wiederkehrenden Schmerzen und Veränderungen des Zyklus.

Auch wenn die Pille nach wie vor das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland ist, werden mittlerweile verstärkt mögliche Nebenwirkungen diskutiert.

Pille, Spirale, Diaphragma oder Pflaster: Für Frauen gibt es zahlreiche hormonelle Verhütungsmethoden. Männer können allerdings nur ein Kondom benutzen oder sich sterilisieren lassen, wenn sie eine Schwangerschaft verhindern wollen. Denn ein zugelassenes hormonelles Verhütungsmittel für den Mann gibt es bislang noch nicht.

  • Eine Studie der WHO (World Health Organization) für eine hormonelle Verhütung für den Mann wurde 2011 abgebrochen. Zu viele Männer hatten über Nebenwirkungen wie Akne, Schmerzen an der Injektionsstelle, erhöhte Libido und Stimmungsstörungen geklagt, heißt es in der Studie. Die Forscher testeten seit 2008 ein Hormonpräparat, das die Spermienbildung in den Hoden verhindert. Tatsächlich sank die Spermienzahl bei allen Studienteilnehmern.
  • Vor einem Jahr war es US-Forschern gelungen, einen vielversprechenden Wirkstoff zu finden, der die Pille für den Mann möglich machen könnte. Jetzt hat ein zweites synthetisches Hormon erfolgreich die Sicherheitstests bestanden. Das berichtet die US-amerikanische „Endocrine Society“ in einer Presseerklärung. Das Ergebnis des Tests: Das Mittel wirkt wie gehofft, die Nebenwirkungen sind gering. Um wirklich sicher zu sein, planen die Forscher längere Tests. Die Prognose der Wissenschaftler: In ungefähr zehn Jahren könnte eine sichere Pille für den Mann auf den Markt kommen.

Nebenwirkungen der Pille – Risiko von Thrombose bei der Einnahme der Anti-Baby-Pille

Auch wenn die Pille nach wie vor das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland ist, wird über Nebenwirkungen diskutiert. Für Pillen der sogenannten dritten und vierten Generation, die später auf den Markt kamen und neu entwickelte Wirkstoffe enthalten, warnen Experten vor einem erhöhten Thromboserisiko.

Laut des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ergaben Studien ein 1,6-fach erhöhtes Risiko für Thrombose bei Frauen, die Verhütungsmittel anwenden, die den Wirkstoff Dienogest enthalten. Statistisch erkranken acht bis elf von 10.000 Frauen an einer Thrombose. Derweil kann der Zyklus auch die Fitness beeinträchtigen. Ebenfalls ist es auf Reisen möglich, dass der Rhythmus der Einnahme der Anti-Baby-Pille aufgrund der Zeitverschiebung durcheinander kommt.

Eine dänische Studie deutete zudem auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und einem erhöhten Risiko für Depressionen und Suizide hin. In Beipackzetteln von hormonellen Verhütungsmitteln wie der Anti-Baby-Pille muss seit 2019 auch in Deutschland vor einem Suizidrisiko als Folge von Depressionen gewarnt werden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © imago

Kommentare