Es ruckelt noch

365 Tage Corona-Pandemie: Aktueller Stand in Niedersachsen

Anfang Februar 2020 gab es 80 Millionen Fußball-Bundestrainer. Quasi über Nacht mutierten sie zu Virologen. Nach einem Jahr Corona ist es Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen. So steht Niedersachsen da.

Im Februar 2020 war eine oft diskutierte Frage: Ist Jogi Löw noch der richtige Bundestrainer für die Fußball-EM im Sommer? Doch ein bis dahin nahezu unbekanntes Virus rannte dem „Bundes-Jogi“ den Rank ab: Corona. Seit dem hat sich das Leben stark verändert. Maske tragen, Abstand halten, keine Freuden treffen, Homeoffice und Impfterminvergabe bestimmen den Tagesrhythmus.

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MinisterpräsidentStephan Weil (SPD)

Zu Beginn der Pandemie hörten Landes- und Bundespolitiker auf Experten wie den Virologen Christian Drosten. Im Laufe der Monate kam das föderalistische System der Bundesrepublik immer mehr zum Tragen. Meint: Die Bundesländer wollten mehr und mehr das Heft des Handels in die Hand nehmen. Herausgekommen ist ein Flickenteppich an Verordnungen. Als Beispiel sei die Baumarktöffnung im Frühjahr 2020 in einigen Bundesländern genannt und der damit verbundenen „Baumarkt-Tourismus“. Aktuell wird die Öffnung von Schulen und Kita diskutiert. Jedes Bundesland hat eigene Ideen.

Coronavirus-Pandemie: Wo steht Niedersachsen heute?

Corona kam in Niedersachsen am 29. Februar 2020 an. An dem Tag wurde der erste Fall bestätigt. Betroffen war ein 68-jähriger Mann aus Uetze bei Hannover. Ihm folgten mittlerweile mehr als 160.000 Männer und Frauen die sich infizierten.

Lange schnitt das Land vergleichsweise gut ab, hatte niedrigere Infektionszahlen als andere Regionen in Deutschland. Vor einem halben Jahr waren erst rund 16.000 Ansteckungen bekannt, heute sind es mehr als zehnmal so viele. Der 7-Tage-Wert lag damals deutlich unter 10, heute liegt er mit rund 67 etwas über dem Bundesschnitt. Und Niedersachsen steckt in der „wohl schwierigsten Phase der Pandemie“, wie SPD-Fraktionschefin Johanne Modder kürzlich sagte.

Wann genau auch Hausarztpraxen in die Impfung einsteigen, ist noch unklar.

Einerseits zehrt der monatelange, belastende Lockdown an der Geduld, Rufe nach Lockerungen werden laut. Andererseits fühlen sich viele immer noch nicht ausreichend geschützt. Und mit den Virusvarianten, den ansteckenden Mutanten, ist eine kaum berechenbare neue Gefahr hinzugekommen.

Wie läuft das Krisenmanagement des Landes?

Es ruckelt an vielen Stellen. Impfungen, Schutzkonzepte, Corona-Hilfen - nichts davon sei perfekt, musste Ministerpräsident Stephan Weil jüngst einräumen. Die Fortschritte seien aber unübersehbar, sagte er. Das sehen Grüne und FDP, aber auch Senioren, Lehrer, Eltern, Ärzte und viele weitere anders. Sie haben die langen Wartezeiten für die raren Impftermine vor Augen, die Info-Briefe an längst Verstorbene, die Unterrichtsstunden in kalten Klassenräumen, die schwer zugänglichen Testmöglichkeiten oder die Doppelbelastung aus Kinderbetreuung und Homeoffice.

Die FDP forderte bereits, Gesundheitsministerin Carole Reimann (SPD) abzusetzen, vor allem wegen der Pannen bei der Impfkampagne. Grüne und FDP wollten außerdem erreichen, dass der Landtag über die Corona-Regeln der Regierung abstimmt - doch SPD und CDU schmetterten den Vorschlag ab.

Gehen die Infektionszahlen zurück?

Die sogenannte zweite Welle, die im Herbst begonnen hat, scheint in der Tat kleiner zu werden. In der Spitze gab es in den Wintermonaten mehr als 20.000 aktuelle Corona-Fälle in Niedersachsen. Derzeit sind es rund 12.500. Zuletzt zeigte die Kurve der Neuinfektionen aber an einigen Tagen wieder leicht nach oben. Der Leiter des Krisenstabs, Heiger Scholz, sagte am Donnerstag, es gebe in Niedersachsen wie auch bundesweit wieder ein langsames Wachstum. Insgesamt sind im Laufe des ersten Corona-Jahres etwa 162.000 Ansteckungen im Land bestätigt worden. Mehr als 4200 Menschen sind an oder mit dem Virus gestorben.

Wie verbreitet sind die Corona-Mutanten?

„Wir sind der Mutation nicht schutzlos ausgeliefert, aber wir müssen in den ganzen nächsten Monaten vorsichtig bleiben“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil. Denn anders als angenommen geht ein erheblicher Teil der neuen Ansteckungen auf Virusvarianten zurück, insbesondere die sogenannte britische Mutante B.1.1.7.

Aktuell stehen mehr Freiheiten für Personen im Raum, die eine Corona-Impfung erhalten haben. Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen, fordert jedoch alternative Lösungen für Ungeimpfte.

Stephan Weil nannte es tückisch, dass sich diese Gefahr nicht in den Statistiken zeige. Doch das ist zum Teil selbstverschuldet - denn anders als etwa Bremen und Baden-Württemberg hat Niedersachsen recht spät damit begonnen, positive Corona-Proben flächendeckend auf Varianten hin zu untersuchen. Der Krisenstab bezifferte den Anteil der Mutanten an den Corona-Fällen zuletzt landesweit auf zehn Prozent. In einigen Regionen geht aber schon fast jede zweite Infektion darauf zurück.

Kommt die Impfkampagne voran?

Eher langsam, aber das Tempo nimmt zu. Am besten sieht es in den Pflegeheimen aus. In fast allen wurden die Erstimpfungen verteilt, in mehr als 70 Prozent auch die Zweitimpfungen. Doch darüber hinaus stockte es lange - weil die Impfstoffhersteller ihre Lieferzusagen nicht eingehalten haben, sagt die Landesregierung. Und weil die Regierung die Vergabe der Impftermine unnötig kompliziert gemacht hat, sagt die Opposition. Immerhin: Rund 185 000 Menschen, die 80 Jahre oder älter sind und nicht im Heim leben, haben ihre Termine erhalten - etwa ein Drittel davon allein in der vergangenen Woche.

Rund 168.000 weitere Personen stehen noch auf der Warteliste. Um noch schneller zu werden, testet das Land auch Impf-Hausbesuche für Patienten über 80 Jahre, die nicht mehr mobil sind, sowie Impfungen in Arztpraxen. Spätestens bis Ende September sollen alle in Niedersachsen ein Impfangebot bekommen.

Impfen andere Bundesländer schneller?

Ja. Sowohl bei den Erst- als auch bei den Zweitimpfungen hinkt Niedersachsen hinterher. Rund 326.000 Menschen haben ihre erste Spritze bisher erhalten. Das entspricht 4,1 Prozent der Bevölkerung - nur in Hessen und Brandenburg ist der Anteil noch geringer. Anders als zu Beginn legt das Land deshalb mittlerweile nicht mehr jede zweite Impfdose als Reserve für die Zweitimpfungen zurück. Dafür ist Niedersachsen jetzt, zusammen mit Hessen und NRW, bei den Zweitimpfungen das Schlusslicht, mit einer Impfquote von 1,9 Prozent.

Kam der zweite Lockdown zu spät?

Das könnte sein. Viele Wissenschaftler hätten die zweite Welle schon kommen sehen und gewarnt, sagte die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann dem „Spiegel“. „Am Ende haben dann aber wohl viele Ministerpräsidenten nicht mitgespielt. So haben wir wertvolle Zeit verloren. Die Schulen blieben auf, die Mobilität blieb hoch. Allein diese zwei Wochen Verzögerung bis Anfang November haben uns in den letzten drei Monaten etwa 30.000 Menschenleben gekostet.“ Auch Ministerpräsident Stephan Weil mahnt: „Wir müssen früher und konsequenter einsteigen, wenn die Infektionszahlen wieder steigen.“

Droht eine dritte Welle?

Das hängt nicht zuletzt von der Ausbreitung der Mutanten ab, wie Krisenstabsleiter Heiger Scholz sagte. Er nannte ein Beispiel: „Wenn die südafrikanische Variante dominant werden sollte, bei der zweifelhaft ist, ob und welche Impfstoffe wirken, dann kriegen wir ganz andere Entwicklungen als wir das gegenwärtig haben.“

Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Krise?

Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gestiegen. Im Januar waren 267.000 Menschen in Niedersachsen ohne Job - 16 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Tausende Unternehmen meldeten zudem Kurzarbeit an. Die aktuellsten endgültigen Zahlen darüber sind vom Juli: Damals waren 28.747 niedersächsische Betriebe mit 264.757 Beschäftigten in Kurzarbeit. Und der Landeshaushalt muss den Wegfall von Milliarden an Steuereinnahmen verkraften, der Schuldenberg des Landes wächst.

Geht Niedersachsen bei den Schulen einen Sonderweg?

Nicht mehr. Als nach den Weihnachtsferien die Abschlussklassen und Grundschüler im Wechselunterricht zurück in die Schulen kamen, kassierte Niedersachsen dafür noch einen Rüffel vom Bundeskanzleramt. Heute gilt dasselbe Modell weiterhin - wenn auch mit aufgehobener Präsenzpflicht, sodass die Eltern ihre Kinder auch zu Hause lassen können. Das sei ausdrücklich mit dem Bund abgestimmt, beteuert die Landesregierung. Tatsächlich steht das Land nicht allein da. In zehn Bundesländern öffneten am Montag die Grundschulen wieder, teils sogar mit ganzen Klassen. Andere hatten wie Niedersachsen schon früher geöffnet, die übrigen wollten spätestens zum 1. März wieder öffnen.

Wann herrscht endlich wieder Normalität?

Das ist noch lange nicht absehbar. Am 1. März machen immerhin die Friseure wieder auf. Weitere Lockerungen werden sich aber frühestens nach der nächsten Bund-Länder-Runde am 3. März abzeichnen. Als Voraussetzung dafür wurde ein stabiler 7-Tage-Wert unter 35 genannt. Der ist bisher noch nicht in Sicht. Niedersachsens Stufenplan stellt allerdings schon bei einem Wert unter 50 die nächsten Öffnungsschritte in Aussicht, unter anderem für private Treffen, Geschäfte, Restaurants, Hotels, Schulen und Kitas.

Wie läuft es im Nachbarland Bremen?

Die Stadt Bremen war im November 2020 mit einem Inzidenzwert von über 255 ein Corona-Hotspot. Dabei ergab sich in dem Zwei-Städte-Staat über Monate ein zwiegespaltenes Bild, weil der Wert in Bremen sehr deutlich über dem im rund 60 Kilometer entfernten Bremerhaven lag. Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgekehrt. Bremen wies zuletzt einen 7-Tage-Wert von etwa 60 und Bremerhaven von fast 160 auf.

FFP2-Masken gehören inzwischen zum Alltag.

In der Pandemiebekämpfung ging Bremen oft voraus, verteilte zum Beispiel schon früh kostenlos FFP2-Masken an Bürger über 65 Jahre oder übernahm für über 80-Jährige die Kosten für Taxifahrten zum Impftermin. Der Kurs der linken Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard wird grundsätzlich vom Gros der Opposition mitgetragen. Allein beim Thema Schulöffnungen gab es heftige Meinungsunterschiede. dpa/awt

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