Es gilt Warnstufe 1 mit 2G-Regel

Corona in Niedersachsen: Rekord-Inzidenz – Patienten müssen verlegt werden

Die Corona-Lage in Niedersachsen und Deutschland verschärft sich weiter. Jetzt müssen Intensivpatienten nach Niedersachsen verlegt werden. Kommt bald die Triage?

Hannover/Erfurt – Die Corona-Lage in Deutschland und Niedersachsen wird immer ernster: Am Donnerstagmorgen, 25. November 2021 (Stand: 8:20 Uhr), meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) die Überschreitung eines traurigen Schwellenwertes: Seit Beginn der Pandemie im März 2020 hat Deutschland mehr als 100.000 Todesopfer zu beklagen. Die 7-Tage-Inzidenz stieg im gesamten Bundesgebiet auf 419,7 und es gibt 75.961 neue Infektionen mit Covid-19. Mit 351 neuen Todesfällen in Zusammenhang mit Corona steht Deutschland europaweit auf dem traurigen vierten Platz.

Virus:Coronavirus, Covid-19
Krankheitserreger:SARS-CoV-2
Vorkommen:Weltweit
Erster bekannter Fall:1. Dezember 2019

Davon wurden durch die Behörden allein in Niedersachsen am Donnerstagmorgen 3686 neue Infektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Es wurden im gesamten Bundesland 15 neue Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion registriert. Dies entspricht einer 7-Tage-Inzidenz für Niedersachsen von 195,1 – eine neue Rekord-Inzidenz. Aufgrund der Lage wurden bereits am Dienstag durch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) weitreichende Änderungen in der Corona-Verordnung verkündet.

Corona in Niedersachsen: Mehr als 8 Prozent der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt

Die Hospitalisierungsinzidenz in Niedersachsen liegt aktuell bei 6,6 (Vortag: 6,3), auf den Intensivstationen machen die Corona-Patienten einen Anteil von 8,6 Prozent (Vortag: 8,0 Prozent) aus. Deutschlandweit liegt die Hospitalisierungsinzidenz bei 5,74.

Deutschland bereitet sich auf die Triage vor: Die Bundesländer haben das Kleeblatt-System aktiviert und fangen an, Corona-Patienten aufgrund überfüllter Intensivstationen zu verlegen. (Archivbild)

Traurige Spitze in Sachen 7-Tage-Inzidenz in Niedersachsen: die kreisfreie Stadt Salzgitter mit einer Inzidenz von 390,6 und 406 aktiven Corona-Infektionen. Damit haben sich in Niedersachsen seit Pandemiebeginn 363.471 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 6293 sind im Zusammenhang damit verstorben.

Doch auch der Kampf gegen die Pandemie schreitet voran. So erhielten bis Donnerstagmorgen laut RKI in Niedersachsen rund 5,8 Millionen Menschen (72,9 Prozent) eine erste Impfung gegen das Coronavirus, vollständig immunisiert gegen eine Covid-19-Infektion sind in Niedersachsen rund 5,6 Millionen Menschen (69,9 Prozent). Deutschlandweit sieht es ähnlich aus: rund 70,7 Prozent der Bundesbürger sind einmal gegen Covid-19 geimpft, eine zweite Immunisierung haben bereits 68,1 Prozent erhalten.

Niedersachsen bereitet sich auf Corona-Patienten aus anderen Bundesländern vor

Doch bei allem Optimismus in Sachen Impfen: Die Corona-Lage in unseren Breitengraden gerät immer weiter außer Kontrolle, die Lage ist kurz davor völlig zu eskalieren. Im gesamten Bundesgebiet laufen langsam aber sicher die Intensivstationen voll. Die Krankenhäuser arbeiten bereits seit Wochen am Limit, Pflegerinnen und Pfleger sowieso. Kommt jetzt die Triage*?

Da es in Sachen Krankenhaus- und Intensivbettenbelegung in Niedersachsen zwar schon eng ist, es aber noch ein wenig Luft gibt, bereiten sich die Kliniken und Krankenhäuser im gesamten Land darauf vor, im Rahmen der Triage Patienten aus anderen Bundesländern aufzunehmen. Denn in anderen Bundesländern ist die Corona-Lage wesentlich kritischer als in Niedersachsen, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet.

Demnach könnte bereits am Donnerstag damit begonnen werden, die ersten Patienten aus Thüringen nach Norddeutschland und damit auch nach Niedersachsen zu verlegen*. Insgesamt zehn Patienten aus dem Freistaat seien derzeit dafür vorgesehen, teilte eine Sprecherin des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, an das die Koordinierung des Kleeblatts Ost angedockt ist, am Mittwochabend mit. Der konkrete Zeitpunkt werde aktuell geplant und koordiniert. „Gegebenenfalls startet die Verlegung am Donnerstag“, hieß es. Es wären die ersten bundesweiten Verlegungen in der vierten Corona-Welle.

Corona in Niedersachsen: Klinikum Siloah in Hannover nimmt drei Patienten aus anderen Bundesländern auf

Verlegt werden sollen die Kranken in das Kleeblatt Nord, zu dem auch Niedersachsen gehört, hieß es. Wie die „Hannoversche Allgemein Zeitung“ schreibt, bereitet sich das Klinikum Siloah in Hannover darauf vor, mindestens drei Patienten im Laufe des Donnerstags aufzunehmen.

Das Kleeblatt-System wurde vor dem Hintergrund der ersten Corona-Welle 2020 eingeführt. Die Idee: Um Überforderungen bei einzelnen Krankenhäusern zu vermeiden, sollen innerhalb eines Kleeblatts, dem meist noch Nachbarbundesländer angehören, unkompliziert Patienten-Verlegungen möglich sein. Ist das nicht mehr möglich, sollen bundesweite Verlegungen möglich sein. Niedersachsen bildet gemeinsam mit Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern das Kleeblatt Nord. Eine Sprecherin des Thüringer Gesundheitsministeriums hatte am Nachmittag noch Schleswig-Holstein als Zielort genannt.

Bei den zehn angemeldeten Kranken gehe es ausschließlich um Covid-Fälle, sagte die Sprecherin aus Sachsen-Anhalt weiter. Auch Sachsen habe perspektivisch bereits einen Verlegungsbedarf von rund zwei Dutzend Patientinnen und Patienten angemeldet. Sachsen-Anhalt hingegen werde noch keine Patienten überregional verlegen, könne derzeit aber auch niemanden von außerhalb aufnehmen. Auch aus Bayern könnten in den nächsten Tagen rund 50 Kranke verlegt werden.

Wir unterstützen auf dieser Grundlage die besonders stark von der Pandemie betroffenen Bundesländer mit unseren Intensivbettenkapazitäten.

Boris Pistorius (SPD), Innenminister Niedersachsen

Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin sind im Kleeblatt Ost organisiert. Gemeinsam mit Bayern, das das Kleeblatt Süd bildet, aktivierten sie am Dienstag das Kleeblatt-System. Damit werden bundesweite Patientenverlegungen möglich. Bund, Länder und Experten des Robert Koch-Instituts koordinieren dann, welches Bundesland noch Kapazitäten hat, in welches Krankenhaus die Patienten bestenfalls sollen und welche Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

 „Es war wichtig, dass wir die Möglichkeit der Verlegungen von auf Intensivbetreuung angewiesenen Patienten schon zu Beginn der Pandemie mit initiiert haben“, erklärte dazu Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius am Donnerstagmorgen. „Wir unterstützen auf dieser Grundlage die besonders stark von der Pandemie betroffenen Bundesländer mit unseren Intensivbettenkapazitäten. Damit wir nicht auch bald in die Situation kommen, keine weiteren Patienten mehr aufnehmen zu können, müssen wir jetzt alles dafür tun, damit sich die Situation so schnell wie möglich verbessert.“

Vor diesem Hintergrund appellierte Pistorius an alle, die sich bisher nicht um einen Impfschutz bemüht haben: „Wir befinden uns in einer absoluten und historischen Ausnahmesituation und ich erwarte von all denen, die sich bisher nicht impfen lassen haben, das endlich zu tun.“

Corona in Niedersachsen: Innenminister Pistorius fordert mehr Solidarität mit Pflegekräften ein

Es gehe jetzt vor allem um Solidarität all denjenigen gegenüber, die unverschuldet etwa durch eine schwere Erkrankung oder einen Verkehrsunfall auf ein Intensivbett und ärztliche Fürsorge in den Intensivstationen angewiesen seien, so der Innenminister. In diesem Zusammenhang wies Pistorius erneut auf die besonders schwierige Lage von Seniorinnen und Senioren hin, die bei einer Infektion zu der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppe gehören.

Boris Pistorius: „Und es geht genauso um Solidarität gegenüber den Pflegerinnen und Pflegern, den Ärztinnen und Ärzten und allen anderen Berufsgruppen, die uns seit fast zwei Jahren unter extremen Belastungen die Rücken freihalten. Darum fordere ich mit Nachdruck dazu auf: Lassen Sie sich impfen!“ In diesem Zusammenhang wird gerade eine Impfpflicht in Deutschland heiß diskutiert.

Pistorius wendete sich am Donnerstagmorgen mit einem dringenden Appell auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Katastrophenschutz: „Die Besetzung der bundeslandübergreifenden Steuerungszentrale in Niedersachsen erfolgt mit qualifiziertem und erfahrenem Personal, das in den Einsatzabläufen der Kleeblattstrukturen inzwischen exzellent trainiert ist. Damit stellen wir sicher, dass zu jeder Zeit innerhalb kurzer Fristen eine Verlegungsanfrage eines anderen Kleeblattes oder Bedarfe innerhalb von Norddeutschland abgearbeitet werden können. Ich danke allen Mitarbeitenden, die dabei mithelfen.“ * kreiszeitung.de, fr.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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