Kaum Grippekranke

Corona-Impfung deckt Lücken im Impfpass auf

Impfen ist mehr als der Booster gegen Corona. Die erste Spritze bekommen Säuglinge und ab 60 Jahren gibt’s die Grippeimpfung. Ein Überblick.

Seit Corona sind Mehrfachimpfungen (Booster) und Impfpflicht ein viel diskutiertes Thema. Ohne den vollen Impfschutz bleiben viele Türen verschlossen. Es gibt aber noch eine Vielzahl von weiteren (Pflicht-)Impfungen. Doch egal welcher Schutz aufgebaut werden soll, dokumentiert werden die Impfungen im gelben Pass. Da sie überall herausgekramt werden, müssten fehlenden Impfungen auffallen. So könnte man zumindest vermuten.

VirusCoronavirus
NameCovid-19
Corona-Untervariante von OmikronSubtyp BA.2
KrankheitserregerSARS-CoV-2

Dr. Bernd Roshop, Internist mit Praxis in Barnstorf (Landkreis Diepholz), kann diesen Effekt bestätigen, in begrenztem Umfang. Er spricht von 2000 Corona-Impfungen in den vergangenen zwölf Monaten – und von rund 30 Fällen, bei denen Impfrückstände aufgefallen seien. „Das ist jetzt nicht die Masse.“ Eine Allgemeinmedizinerin, die nicht mit Namen genannt werden möchte, berichtet, dass bei ihr in der Praxis stark auf vollständigen Impfschutz geachtet werde: „Wir sind da sowieso up to date.“ Sie sei aber vermehrt auf fehlende, volle oder veraltete Impfausweise gestoßen.

Die Patienten, die einen festen Hausarzt haben und regelmäßig zu Untersuchungen kommen, sind mit den empfohlenen Impfungen gut versorgt – so kann man die Aussagen der Ärzte zusammenfassen, mit denen wir gesprochen haben. Aber im Zuge der Corona-Impfungen kommen auch Patienten in die Praxen, die lange nicht beim Hausarzt waren. Oder die, die sonst ihren Impfausweis zu Hause lassen.

Die Corona-Impfung und alle anderen Impfungen werden im Impfpass dokumentiert.

Dr. Lars Pohlmeier, Hausarzt in einer Praxisgemeinschaft in Stuhr-Brinkum, bestätigt, dass verpasste Impfungen nun häufiger auffallen. „Ich würde das eher positiv sehen“, sagt er. Also weniger als Problem, dass Impflücken auftauchen, sondern als Lösung: Dass die nun häufiger entdeckt werden, weil die Patienten ihren Impfausweis mitbringen. Ex-Werder-Trainer Markus Anfang hat wegen eines gefälschten Impfpasses eine Sperre bekommen.

Pohlmeiers Erfahrung nach gehen nämlich viele Patienten davon aus, dass die Impf-Daten ohne Weiteres im Praxis-Computer abrufbar wären – was aber nicht der Fall sei. Pohlmeier weist darauf hin, dass es in Deutschland kein Impfregister gibt und man sich überhaupt schwertue mit dem Speichern medizinischer Daten. Deshalb lasse sich schwer abschätzen, wie groß die „Dunkelziffer“ der Impfgegner oder Impfverweigerer sei. Aber die „Vergesslichen“, die erreiche man jetzt besser. 

Corona lässt Grippewelle abflachen

Im Herbst war die Grippeimpfung bei vielen Männern und Frauen über 60 Jahre angesagt. Seit es die Coronabeschränkungen gibt, geht auch die Zahl der mit einer Grippe Infizierten zurück. Bisher gibt es in Niedersachsen noch keine Anzeichen für eine drohende Grippewelle. Seit Anfang Oktober seien erst 115 laborbestätigte Influenzafälle gemeldet worden, teilte das niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) mit. Es wurde noch kein durch Grippe bedingter Todesfall registriert. Vor der Pandemie waren zwischen Oktober und Mitte Mai stets mehr als 10.000 Grippe-Fälle gezählt worden, in der Saison 2017/18 zum Beispiel 18.157 Erkrankungen und 111 Todesfälle.

Im ersten Pandemiejahr 2020 seien die Grippe-Fallzahlen zeitgleich mit dem Lockdown im März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen schlagartig gesunken, sagte Fabian Feil, Präsident des Landesgesundheitsamtes in Hannover. Zwischen Oktober 2020 und Mai 2021 wurden dann lediglich 41 Grippe-Fälle registriert. Die niedrigen Zahlen auch in dieser Saison seien wahrscheinlich auf die Akzeptanz und Umsetzung der Corona-Maßnahmen zurückzuführen, sagte der Behördenchef.

Coronazahlen und Impfungen auf dem Dashboard

Die tagesaktuellen Corona-Inzidenzen und Impfquoten werden auf dem Dashboard des RKI angezeigt. Für andere Impfungen wie gegen Grippe stehen so detaillierte Daten nicht zur Verfügung. „In Deutschland existiert kein einheitliches umfassendes System zur Erhebung von Impfquoten“, sagte Detlef Haffke. Er ist Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN)

Ob die Impfkampagne gegen Corona zu höheren Quoten bei anderen empfohlenen Impfungen führt, kann die Kassenärztliche Vereinigung noch nicht genau ermitteln. Ihr lägen die Abrechnungszahlen bis zum dritten Quartal 2021 vor, sagt ihr Sprecher. Einen Anstieg der Impfzahlen (abseits von Covid-19) kann er im Vergleich zu den Vorjahren nur für bestimmte Impfungen in einer bestimmten Altersgruppe attestieren: „Die Grippeschutzimpfung und die Pneumokokkenimpfung für über 60-Jährige ist während der Corona-Pandemie im Gegensatz zu den Vorjahren angestiegen.“

Jede Impfung zählt.

Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen

Anders bei den übrigen Immunisierungen und Auffrischungen: Die stagnieren laut Kassenärztlicher Vereinigung oder sind sogar rückläufig. Dabei mache sich, so Haffkes Erklärung, ein anderer Corona-Effekt bemerkbar: „Dies liegt auch daran, dass viele Bürgerinnen und Bürger den Praxisbesuch während der Corona-Pandemie gemieden haben.“

Detlef Haffke betont die Bedeutung der Auffrischungen für den Impfschutz. Es könne sonst sein, dass man nicht mehr komplett gegen die entsprechende Krankheit geschützt sei. „Bürgerinnen und Bürger sollten eine versäumte Impfung daher so bald wie möglich nachholen.“ Er weist darauf hin, dass man dabei keine erneute Grundimmunisierung benötige: „Die Auffrischimpfung reicht, egal wie lange die letzte Impfung zurückliegt. Es gilt: Jede Impfung zählt.“ Einzige Ausnahme hiervon sei die Cholera-Schluckimpfung für Reisende.

Meisten Impfungen sind vorhanden

Besagte Grundimmunisierung dürfte bei den meisten, die im deutschen Gesundheitssystem groß geworden sind, gegeben sein. Schließlich gehören die Impfungen gegen Rotaviren, Tetanus, Diphtherie und vieles mehr zu den Vorsorgeuntersuchungen, die die Kinder- und Jugendärzte regelmäßig vornehmen. Verpasste Auffrischungen stellen sich, so die Erfahrungen der Ärzte, eher im Erwachsenen-Alter ein.

Durch Corona haben Ärzte häufiger Gelegenheit, darauf aufmerksam zu werden. Aber machen sich die Diskussionen um die Corona-Impfungen auch umgekehrt bemerkbar, indem Patienten nun etwa bei der Tetanus-Spritze nach dem Hersteller, der Wirkweise oder Nebenwirkungen fragen? Der KVN-Sprecher bestätigt das: „Besonders seit der Corona-Pandemie werden derartige Fragen viel häufiger gestellt.“

Eine Pflicht, wie sie aktuell bei Corona diskutiert wird, hat der Gesetzgeber bei einer anderen Impfung eingeführt – die gegen Masern. Die Pflicht gilt außer für Kinder auch für bestimmte Berufe wie Erzieher, Lehrer oder medizinisches Personal der Jahrgänge 1970 aufwärts. Bei der Masern-Impfung ist deshalb eine gesteigerte Quote festzustellen. „Seit der Impfpflicht (ab März 2020, die Red.) gab es einen Anstieg der Masernimpfungen von rund vier Prozent“, teilt KVN-Sprecher Haffke mit.

Welche Impfungen ab welchem Alter

Bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen gelten folgende Empfehlungen: Rotaviren, Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Pertussis (Keuchhusten), Masern, Mumps (Ziegenpeter), Röteln, Varizellen (Windpocken), Pneumokokken (Bakterien, die Gehirnhaut- und Lungenentzündungen auslösen können), Meningokokken C (Bakterien, die Gehirnhautentzündungen auslösen können).

Für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren: humane Papillomviren (HPV, Auslöser von HPV-bedingten Krebsarten).

Bei Erwachsenen: Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung; Regelimpfung bei nicht grundimmunisierten Erwachsenen und Personen ohne einmalige Auffrischimpfung), Masernimpfung für alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und in der Kindheit nicht beziehungsweise nur einmal gegen Masern geimpft wurden. Außerdem sollten Erwachsene folgende Impfungen alle zehn Jahre auffrischen lassen: Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten).

Erwachsenen ab 60 Jahren werden Impfungen gegen Influenza (Grippe), Pneumokokken (Bakterien, die Lungenentzündungen auslösen können) und Herpes zoster (Gürtelrose) empfohlen.  Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen

(Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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