Experten schlagen Alarm

Corona verschärft Lage: Rund 75.000 Kinder werden 2020 nicht schwimmen lernen

Schon vor Corona klagten Experten, dass viele Viertklässler noch nicht einmal das Seepferdchen haben. Im Lockdown fallen viele Schwimmkurse aus. Nur wer bestimmte Leistungen bringt, gilt als sicherer Schwimmer. Die Bäder-Planungen für 2021 laufen.

  • Zehntausende Schwimmkurse für Anfänger sind schon ausgefallen.
  • Rund 75.000 Kinder werden in diesem Jahr nicht schwimmen lernen.
  • Lange Wartezeiten bei den Schwimmkursen in den Bädern.

Update vom 23. November: „Wir planen die Freibadsaison 2021 ganz normal“, sagt Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann auf Nachfrage der Kreiszeitung. Normal heißt dieser Tage ja nicht mehr „wie immer“, sondern „wie vor Corona“. „Wir gehen davon aus, dass wir beide Freibäder öffnen“, heiße die Maxime im Fachbereich Sport und Bäder. „Das sind wir den Schwarmern schuldig“, weiß Verwaltungs-Chef Bernd Bormann. (aks)

Meldung vom 13. November: Die Bäder sind dicht, Zehntausende Anfängerkurse fallen aus, auch das Schulschwimmen ist in vielen Bundesländern wie in Niedersachsen zum Erliegen gekommen. Erzeugt die Corona-Pandemie eine Generation von Nichtschwimmern? „Die haben wir bereits“, sagt Achim Wiese, Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Aber jetzt nehme die Schwimmfertigkeit noch einmal einen heftigen Knick nach unten. „Das ist eine dramatische Entwicklung.“ Nach einer DLRG-Studie aus dem Jahr 2017 sind bundesweit 59 Prozent der Mädchen und Jungen keine sicheren Schwimmer, wenn sie die Grundschule verlassen. Ihnen fehlt das Schwimmabzeichen in Bronze (Freischwimmer), 23 Prozent haben noch nicht einmal das Seepferdchen.

Gründung DLRG19. Oktober 1913
Mitglieder565.826 (2018)
SitzBad Nenndorf
Freiwillige45.000 (2018)

Um als sicherer Schwimmer zu gelten, sagt die DLRG, man muss die Prüfung zum Deutschen Schwimmabzeichen Bronze (Freischwimmer) bestehen. Gefordert sind: Tauchen auf zwei Meter Tiefe, Paketsprung, Sprung und 15 Minuten schwimmen. In dieser Zeit sind mindestens 200 Meter zurückzulegen, davon 150 Meter in Bauch- oder Rückenlage und 50 Meter in der anderen Körperlage sowie Theorie.

Schwimmkurse sind in diesem Corona-Jahr fast alle abgesagt worden.

Auch der Deutsche Schwimmverband (DSV) schlägt Alarm. Nach dem Teil-Lockdown müssten die Bäder den Vereinen mehr Zeit für Schwimmkurse einräumen, auch an den Wochenenden oder in den Ferien, fordert DSV-Vizepräsident Wolfgang Hein. Schon vor der Corona-Pandemie gab es für Seepferdchen- oder Bronze-Kurse vielerorts lange Wartelisten.

Seit März fiel der Vereinssport auch in anderen Disziplinen wie Fußball, Judo oder Tanzen monatelang aus. Die Kinder seien von der Bewegung entwöhnt, sagt Wolfgang Hein. „Es ist bequem, zu Hause zu sitzen auf dem Sofa oder am Schreibtisch und ein bisschen rumzudaddeln. Sie dürfen ja auch nichts.“ Wichtig sei es, die ausgefallenen Kurse gründlich nachzuholen. „Es geht schließlich um den Schutz vor dem Ertrinkungstod.“ Auch die Politik sei gefordert, auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Schulschwimmen ist in Niedersachsen komplett verboten

Seit dem 5. November ist das Schulschwimmen in Niedersachsen etwa komplett verboten. Laut einem Sprecher der Kultusministerkonferenz soll Schulschwimmen unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln in den Ländern eigentlich stattfinden. Berlin etwa erlaubt noch Schwimmunterricht bei den Warnstufen Gelb und Orange in den Schulen.

Weil der öffentliche Badebetrieb verboten ist, hätten bundesweit viele Kommunen und Betreiber ihre Bäder komplett dicht gemacht, klagt Wolfgang Hein, der auch Präsident des Landesschwimmverbandes Niedersachsen ist. Dabei seien dem Deutschen Schwimmverband keine Corona-Ausbrüche bekannt, die man auf Schwimmbadbesuche zurückführe.

Im Juni öffneten viele Bäder wieder ihren Betrieb mit strengen Hygienekonzepten und für weit weniger Besucher, die sich meist vorab anmelden mussten. Aus Vorsicht werden an vielen Orten aber keine Seepferdchen-Kurse angeboten. „Bei uns liegt das Anfängerschwimmen seit März komplett still“, erzählt Manfred Hellmann, der seit 40 Jahren Schwimmtrainer im hessischen Marburg ist. „Im Wasser lassen sich die Abstandsregeln bei den jüngsten Kindern nicht durchhalten.“ 170 Kinder stehen ihm zufolge allein beim VfL Marburg auf der Warteliste. „Es ist ein Riesen-Stau angelaufen.“ Das Schulschwimmen könne die Defizite nicht auffangen, betont der Schwimmtrainer. „Da haben sie über 20 Kinder im Bad für 40, 45 Minuten.“

Rund 75.000 Kinder, das entspricht einem ganzen Jahrgang, werden in diesem Jahr alleine in Niedersachsen nicht schwimmen lernen. Davon ging Dr. Oliver Liersch, Landespräsident des DLRG Landesverbandes Niedersachsen, mit Blick auf die coronabedingten Einschränkungen schon im August aus. Hinzukommen die Kinder, die nach ihrem Schwimmkurs Ende letzten Jahres noch nicht wieder schwimmen waren und möglicherweise verlernt haben, wie sie gut und sicher schwimmen. Deshalb fordert die DLRG, dass die Schulen nicht nur einmal pro Jahrgang Schwimmunterricht anbieten, sondern auch den Nachschulungsbedarf in den höheren Jahrgängen überprüfen. 

Wartezeit auf einen Schwimmkurs: bis zu anderthalb Jahre

In Achim bei Bremen halten die Mädchen und Jungen, die im Januar den Seepferdchen-Kurs im Hallenbad starteten, immer noch nicht ihr Abzeichen in Händen. „Viele Kinder sollten genau an dem Tag, als das Bad zum zweiten Mal dicht gemacht wurde, ihr Seepferdchen machen“, erzählt die Mutter von Alina (6) und Melissa (5). Ihre ältere Tochter sei sehr enttäuscht. „Jetzt wurde ihr auch noch ihr letztes Hobby weggenommen.“ Die jüngere sollte eigentlich im Kurs direkt nach Alina starten, doch jetzt muss sie im schlimmsten Fall anderthalb Jahre warten. „Mein Wunsch war eigentlich, dass die Kinder vor der Schule schwimmen lernen. Dann hat man auch im Urlaub und am Garten-Pool ein besseres Gefühl“, erzählt die 35-Jährige. „Das schaffen wir nicht mehr.“

Christina Sticht, dpa/awt

Rubriklistenbild: © Beispielfoto: dpa / Franziska Kraufmann

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