Landesarmutskonferenz

Corona verschlimmert Armut in Niedersachsen: Fast jede sechste Person betroffen

Die Armut in Deutschland scheint sich durch die Pandemie zu verschärfen. Dabei ist schon fast jede sechste Person in Niedersachsen betroffen.

Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen hat vor einer Verschärfung der Armut im Land als Folge der Corona-Pandemie gewarnt. Er gehe davon aus, dass es für 2020 mindestens einen vollen Prozentpunkt an zusätzlicher Armutsquote geben werde, sagte der Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz, Klaus-Dieter Gleitze, der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei sei schon fast jede sechste Person in Niedersachsen betroffen, es gehe um 1,25 Millionen Menschen. Schon vor der Pandemie sei die Armutsquote um einen Prozentpunkt auf 16 Prozent gestiegen. Er betonte: „Es ist eigentlich ein Skandal, so eine hohe Armutsquote in Deutschland zu haben.“

Interview mit Klaus-Dieter Gleitze (68), Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz Niedersachsen

Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz Niedersachsen. Die Landesarmutskonferenz rechnet mit einer Verschärfung der Armut ion der Corona-Pandemie.
Die Corona-Pandemie hat uns fest im Griff. Aber was bedeutet die Krise für arme Menschen?
Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass vor dem Virus nicht alle gleich sind. Zu Anfang hieß es, das Virus sei der große Gleichmacher. Das ist aber definitiv nicht der Fall. Wer arm ist, der ist in der Krise im Prinzip noch ärmer dran als der Rest. Was übrigens sogar der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung explizit so formuliert, der im Mai im Kabinett verabschiedet wird. Dabei beschönigt der sonst eigentlich die Lage immer etwas.
Wie wirkt sich das konkret aus?
Dazu eine Zahl, um das an einem praktischen Beispiel zu verdeutlichen: Paprika, ein Grundnahrungsmittel und notwendig für eine gesunde Ernährung, ist seit Jahresbeginn um 178 Prozent teurer geworden. Das hat mich umgehauen. Frische Lebensmittel haben sich sehr stark verteuert, das ist für Menschen, die wenig Geld haben, eine Katastrophe. 30 Prozent, manche sagen sogar noch mehr, haben keine Rücklagen, die können keine zwei Monate überbrücken. Für Menschen, die von Armut betroffen sind - in Niedersachsen bedeutet das 1049 Euro im Monat für Alleinstehende, das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens - ist das ein Desaster.
Wie hat sich in der Pandemie die Zahl der Menschen entwickelt, die in Armut leben?
Vor Beginn der Pandemie lag die Armutsquote bei 16 Prozent - das war ein voller Prozentpunkt mehr als im Jahr davor. Ohne Corona-Effekte schon ein Anstieg auf einen Rekordwert, das ist bemerkenswert - vorsichtig formuliert. Es ist eigentlich ein Skandal, so eine hohe Armutsquote in Deutschland zu haben. In Niedersachsen sind das 1,25 Millionen Menschen, fast jeder sechste Niedersachse ist betroffen. Und das nach einem zehnjährigen Dauer-Konjunkturhoch. Man kann sich ausrechnen, was das in der Pandemie bedeutet. Alle wissen, dass Insolvenzen sprunghaft ansteigen werden, wenn die Antragspflicht ab Ende April wieder greift. Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass wir am Jahresende 1,3 Millionen Langzeitarbeitslose haben werden - fast eine Verdoppelung im Vergleich zum März 2020.
Was bedeutet das für die Armutsquote?
Wenn ich das an der Zahl der Langzeitarbeitslosen aufhänge, die Insolvenzen mit einbeziehe, außerdem die Branchen, die sich strukturell nicht erholen werden, die ganzen Soloselbstständigen, die in ihren Jobs nicht mehr arbeiten werden, dann gehe ich davon aus, dass es 2020 mindestens einen vollen Prozentpunkt an zusätzlicher Armutsquote geben wird.
Wen trifft das Armutsrisiko ganz besonders?
Ganz besonders stark trifft es Alleinerziehende. Da haben wir eine ganz erhebliche Armutsquote von über 40 Prozent, und das sind zu 90 Prozent Frauen. Das liegt unter anderem an der mangelhaften Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Arbeitgeber sind immer noch nicht geneigt, auf die familiäre Situation Rücksicht zu nehmen.
Gibt es weitere Gruppen?
Was im Moment vielleicht noch ein bisschen unterschätzt wird, ist die Armutsgefährdung im Alter, die um 1,2 Prozentpunkte zugenommen hat: Bei den über 65-Jährigen sind mittlerweile 15,4 Prozent armutsgefährdet. Das liegt an durchbrochenen Erwerbsbiografien, teils mit Phasen von Arbeitslosigkeit, sodass die Rentenanspruchzeiten nicht so sind wie früher. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass es in den letzten 20 Jahren reale Zuwächse nur in den höheren Lohngruppen gab und die Inflation dagegen rechnet, kann man sich vorstellen, was für eine Welle an Altersarmut sich am Horizont abzeichnet.
Was bringt denn der Mindestlohn in dieser Lage?
Man soll ja nicht immer nur auf der Politik rumhacken: Wenn das Realität werden sollte, was man aus SPD-Kreisen hört, dass der Mindestlohn auf 12 Euro angehoben wird, dann wäre das schon ein substanzieller Fortschritt. Man geht davon aus: Wenn man Altersarmut vermeiden, also eine armutssichere Rente haben will, dann muss man einen Stundenlohn von ungefähr 12,50 Euro haben, dabei aber 45 Jahre arbeiten. Dann ist man knapp über der Armutsgrenze im Alter. Das ist sinnvoll und das fordern wir auch.
An welcher Stelle ist der Sozialstaat besonders gefordert?
Man sagt: Gegen Armut hilft Geld. Bildung ist eine ganz starke Schlüsselressource zur Armutsvermeidung. Aber im ersten Schritt, im Moment der Krise, reden wir über Einschränkungen, die arme Menschen jetzt haben. Ich möchte daran erinnern: Jeder zehnte Mensch, der in Armut lebt, hat Angst davor, seine Wohnung zu verlieren. Man muss sich mal vorstellen, was das für die Psyche bedeutet. Ein erster Schritt wäre eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze auf 600 Euro. Das fordern mittlerweile praktisch alle großen Wohlfahrtsverbände und wir fordern das auch.
Hat die Krise die Zahl der Obdachlosen nach oben getrieben?
Wie genau die Zahl gestiegen ist, lässt sich schwer sagen. Wir haben statistisches Material nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Wir wissen zwar ganz genau, dass Zuckermais auf 0,12 Prozent der niedersächsischen Gemüseanbaufläche im Freiland angebaut wird. Das ist faszinierend. Aber wir haben praktisch keine validen Daten darüber, wie sich die Einkommens- und Wohnsituation von Armen auf ihre Gesundheit in der Corona-Krise auswirkt. Obdachlose und Wohnungslose sind unter diesen Bedingungen verheerend betroffen, da herrschen Vereinzelung, Isolation, Frustration, Depression, die Zunahme von Sucht.
Ist Armut ein Thema in der Politik?
Armut ist kein Thema, Armut fällt in der Krisenbewältigung fast völlig hinten runter. Es wird viel über die Bazooka geredet, die man zur Förderung und zum Erhalt von nicht unbedingt systemrelevanten Firmen wie Tui eingesetzt hat. Nichts gegen Tui, nichts gegen Urlaub. Aber ob die mit Milliarden gefördert werden müssen, während man noch nicht mal einen Konsumausgleich für Menschen, die sich keine Masken leisten können, übrig hat? Das halte ich für einen Skandal. Daran schließt sich die Frage an, wer für die Krise zahlt. Es darf auf keinen Fall sein, dass die, die ohnehin schon arm dran sind, für die Krise zahlen müssen, es darf auf keinen Fall sein, dass im Sozialhaushalt gekürzt wird.

mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Ole Spata/dpa

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