Amputierte Hühner: Minister verärgert über Kreisveterinäre

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Agrarminister Gert Lindemann

Hannover - Monatelang hat der Landkreis Cuxhaven die Amputation von Kämmen bei Küken geduldet, trotz eines anderslautenden Gutachtens des LAVES. Der zuständige Kreisveterinär berief sich stattdessen auf Wissenschaftler aus Holland. Sehr zum Ärger von Agrarminister Gert Lindemann.

Agrarminister Gert Lindemann hat das zögerliche Verhalten der Kreisveterinäre bei möglichen Verstößen gegen den Tierschutz beim Cuxhavener Hühnerzüchter Lohmann (LTZ) kritisiert. „Ich bin mit dem Ablauf nicht zufrieden“, sagte der niedersächsische CDU-Politiker am Donnerstag im Landtag in Hannover.

Ursache für seine Kritik ist ein vom Kreisveterinär ignoriertes Gutachten des Landesamtes für Verbraucherschutz (LAVES), welches bereits im September 2008 die Amputation von Kämmen und Zehen bei Zuchtküken als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz wertet. Dennoch habe der Landkreis unter Berufung auf Wissenschaftler der niederländischen Universität Wageningen die Kamm-Schnitte bis Januar 2010 bei Hühnern, die braune Eier legen, und bis Januar 2011 bei Hühnern, die weiße Eier legen, geduldet.

Aus Sicht der Uni Wageningen sind die Amputationen tierschutzkonform, weil die Amputationen helfen, den Kannibalismus unter den Hühnern zu vermeiden. Rein rechtlich haben sich die Kreisveterinäre nichts zuschulden lassen kommen, da weder das LAVES noch das Landwirtschaftsministerium weisungsbefugt sind - im Gegensatz zu den Landräten. „Der Sachverhalt ist nicht so leicht, wie man vielleicht denkt oder wie wir es uns gewünscht haben“, sagte Lindemann.

Denn in der Praxis ist es jedem Kreisveterinär selbst überlassen, welches wissenschaftliche Gutachten zur Tierquälerei er bei seiner Entscheidung zugrunde legt. „Ich wünsche mir, dass wir im laufenden Strafverfahren auch diese Frage klären“, sagte Lindemann, der den wissenschaftlichen Disput als Hauptursache für das Zögern verantwortlich macht. Der zuständige Dezernent beim Landkreis Cuxhaven, Günter Jochimsen, erklärte auf Anfrage, dass die Kamm-Schnitte früher gängige Praxis waren und auch im Landkreis praktiziert worden seien.

Mit einem Gutachten haben sich hier ein Wandel vollzogen und es sei als Tierschutzverstoß eingestuft worden. Hierauf habe auch der Kreis reagiert und die Praxis eingestellt. Ein weiterer Faktor dürfte auch die Angst des Landkreises vor möglichen Schadensersatzforderungen von LTZ sein, heißt es hinter den Kulissen im Agrarministerium. Denn sollte das Gericht entgegen der LAVES-Meinung erklären, dass die Amputationen tierschutzkonform sind, müsste der Landkreis mögliche Schadenersatzforderungen aus der eigenen Tasche begleichen.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordert angesichts des Vorfalls mehr Unabhängigkeit für die Kreistierärzte. Ungeachtet des laufenden Verfahrens gegen LTZ hat Lindemann erneut seinen erst Anfang der Woche vorgestellten Tierschutzplan verteidigt. Dieser beinhalte nicht „wie von Kritikern behauptet“, eine Umsetzung im Jahr 2018. Stattdessen würden bereits in diesem Jahr erste Neuregelungen bei der Nutztierhaltung in Kraft treten. Auch Vorwürfe, wonach er die Tierschutzpläne von Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU)blockiere, wies Lindemann von sich: „Die Landesregierung unterstützt alle Bestrebungen, die dazu beitragen, den Tierschutzplan in Niedersachsen zu realisieren.“

Lindemann betonte, dass die Einführung eines freiwilligen Tierschutzsiegels ein wichtiger Schritt für die Branche sei. Sollte sich die EU gegen ein europäisches Siegel aussprechen, werde sich Niedersachsen zumindest für eine deutsche Variante einsetzen. „Ich bin überzeugt, dass dies ein echter Wettbewerbsvorteil für alle Teilnehmer ist.“

Am Wochenende war bekannt geworden, dass bei LTZ jahrelang Hühner gequält worden sein sollen. Die Tierrechtsorganisation Peta hatte bereits am 13. März 2008 bei der Staatsanwaltschaft Bremen Anzeige erstattet. Zwei Geschäftsführer des Cuxhavener Betriebs, der sich selber als Weltmarktführer einstuft, müssen sich vom 2. März an vor Gericht verantworten. Mitarbeiter des Betriebs sollen zur Optimierung des Zuchtprozesses massenweise Kämme und Zehen von Hühnerküken amputiert haben.

Quelle: kreiszeitung.de

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