Dachdecker und Student krökeln auf WM-Niveau

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Erik Quakulinsky (links) und Kay Dzikonski belauern sich.

Badenstedt/Hannover. Der Angriff erfolgt über den rechten Flügel. Der Mittelfeldspieler passt den Ball auf die linke Seite hinüber, doch der Versuch, das Spiel schnell zu machen, missglückt. Der gegnerische Außenverteidiger hat aufgepasst, fängt den Vorstoß ab, holt aus und schießt den Ball – weit aus der eigenen Hälfte – ins gegnerische Tor. Alles geht rasend schnell. Was klingt wie der Treffer des Jahres, ist für Kay Dzikonski und Erik Quakulinsky Alltag. Die beiden sind Bundesligaspieler bei der Krökelgemeinschaft Badenstedt (kurz KGB) im Tischfußball.

„Ich liebe das schnelle Spiel bei höchster Konzentration“, sagt der Dachdecker Dzikonski, auch wenn Quakulinsky ihm gerade einen Treffer eingeschenkt hat. Es ist Mittwochabend, und in einer alten Fabrikhalle in Hannover-Hainholz gehen gut 50 junge Leute ihrer großen Leidenschaft nach. Im vergangenen Jahr eröffnete die KGB, die die Räumlichkeiten zusammen mit den Hannoverkickern betreibt, das deutschlandweit erste Bundesleistungszentrum. Wochentags immer von 18 bis 22 Uhr hat dort jeder die Möglichkeit, an gut einem Dutzend Tischen zu kickern.

Zur KGB gehören 75 Mitglieder. „Und es werden stetig mehr“, wie Vorstand Frank Dörrie freudig feststellt. Denn was einst als Spaß begann und viele eigentlich nur aus der Kneipe um die Ecke kennen, nimmt immer professionellere Züge an. Land auf, landab spielen die Menschen Table Soccer (England), Wuzzeln (Österreich), Töggeli (Schweiz) und Tischi (Saarland) oder krökeln, wie der Spaß in Hannover heißt. So gibt es nicht nur längst einen Niedersächsischen Verband (NTFV), sondern auch einen deutschen Tischfußballbund (DTFB) und eine Weltföderation (ITSF), der 60 Nationen angehören.

Das Spiel ist nicht nur in Europa weit verbreitet, auf sechs Kontinenten stehen sich Kontrahenten am Tisch gegenüber, sogar in Teilen Afrikas wird gekickert. Dennoch steckt die Bewegung weiter in den Kinderschu hen. „5.000 Aktive gibt es in den Vereinen Deutschlands zirka“, schätzt Dörrie, „kein Vergleich zu den 700.000 im Tischtennis.“ Und überhaupt: „Wir sind noch nicht mal als Sport anerkannt.“ Das stößt den KGBlern übel auf. Die Verantwortlichen beim Landessportbund ordnen Tischfußball in die Rubrik Geschicklichkeit ein. „Aber es ist mehr als das“, saqt der KGB-Vorsitzende. „Es geht viel um Motorik, Standfestigkeit und schnelle Wahrnehmung.“ Die Frage sei, warum Dart, Billard oder auch Curling, nicht aber Tischfußball als Sportart gelten. „Würde Kickern zur Sportart erklärt, würde das Ganze sicher noch öffentlicher, und wir hätten ein größeres Publikum“, ist Kay Dzikonski überzeugt. „Für mich ist es schon jetzt ein Sport“, sagt Erik Quakulinsky trotzig.

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Der 30-jährige Dzikonski und sein ein Jahr jüngerer Freund haben die KGB bereits mehrfach bei der Deutschen sowie Europa- und Weltmeisterschaft vertreten. „Wir sind bei der EM 2008 in Stuttgart zusammen Siebter geworden, bei der WM im selben Jahr in Aschaffenburg sogar Fünfter“, berichten sie.

Die Begeisterung für Tischfußball hat beide schnell erfasst. „Das direkte Gegenüber, unter Druck zu performen und die vielen Möglichkeiten, die man am Tisch hat, haben mich fasziniert“, erklärt Quakulinsky, der Mathe und Sport studiert. Die Abende im Bundesleistungszentrum sind für sie Entspannung. „Wenn die Turniere näher rücken, ist allerdings vor allem harte Arbeit angesagt“, erklärt der Student. Anfängern rät er, „zu nächst vor allem am sicheren Pass spiel zu arbeiten“. Als nächstes sollte dann an der Schusstechnik gefeilt werden. Noch mehr als auf dem großen Feld kommt es beim Tischfußball auf die Tore an.

Die Profis greifen dabei auf drei Techniken zurück: Handgelenk-, Handflächen- sowie Jet-Schuss. Bei den beiden ersten wird entweder der Griff über die Handfläche abgerollt oder das Handgelenk abgeknickt – so spielen auch die Hobby-Kickerer. Der Jet-Schuss allerdings hat es in sich. Zunächst wird der Ball hinter dem Fuß der „Puppe“ (Spielfigur) eingeklemmt, die Handgelenk-Innenseite berührt den Griff. Blitzschnell gilt es dann, den Arm hochzureißen. Die Puppe macht dabei einen Überschlag. Und während der Ball mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf das Tor zufliegt, ruht nun der Griff wieder in der Hand des Spielers. Wirbeln ist natürlich nicht erlaubt – der „Jet“ jedoch schon, weil die Puppe dabei keine ganze 360-Grad-Drehung macht.

Wer hohe Ambitionen hat, muss sein Können an Tischen unterschiedlicher Bauweise abrufen können. Weltweit sind fünf große Hersteller vertreten. So stehen bei dem amerikanischen „Tornado“ 13 Puppen in jeder Mannschaft – statt wie bei uns üblich nur elf. Während die Spielfläche bei allen Typen ungefähr gleich groß sei, gebe es gravierende Unterschiede im Zusammenspiel von Ball, Boden, Puppen und Stangen, erklärt Dörrie. Da die WM auf unterschiedlichen Tischen ausgetragen wird, müssen sich gute Spieler nicht nur immer wieder neu auf ihre Gegner einstellen, sondern auch auf das unterschiedliche Material. „Und weil wir im Leistungszentrum alle Typen zur Verfügung haben, kann sehr effektiv trainiert werden“, weiß Dörrie, „und die Jungs schneiden dann in den Vergleichen gut ab.“

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2002 stieg die KGB in die erste Bundesliga auf und spielt seit Jahren auf hohem Niveau. In den vergangenen fünf Jahren wurde das Team dreimal Deutscher Meister, zuletzt zweimal in Folge Dritter.

Damit die Qualität der Tische im Bundesleistungszentrum nicht doch mal zu wünschen übrig lässt, dreht regelmäßig Michael Günther-Geffers, der Tisch- und Sportwart, seine Runde. Er ölt die Stangen, putzt die Lager und tauscht gegebenenfalls Teile aus. „Wir gucken uns ganz genau an, wie die Tische angenommen und belastet werden“, berichtet Klaus Bäter, „Mädchen für alles“ bei der KGB. „Wenn ein Tisch ‚abgenutzt’ ist, verkaufen wir ihn und holen einen neuen aus unserem Lager. Für den Heimgebrauch sind die allemal noch gut genug.“ Ein guter Tisch kostet neu zirka 1.500 Euro.

Zurück am Tisch: Kay Dzikonski und Erik Quakulinsky stehen beide reglos da, belauern sich, um dann wieder rasend schnell die nächsten Aktionen zu starten. Die Profis postieren Torwart und Verteidigung bei eigenem Ballbesitz übrigens einfach nur zentral und greifen dann mit beiden Händen in die Offensive ein. Ist der Gegner im Angriff, werden Mittelfeld und Sturm so in Position gebracht, dass die Gesichter der Puppen gen Spielfeld zeigen. Wird nun der Angriff des Gegners abgefangen, stellen die eigenen Spieler kein Hindernis dar. Und mit dem Torerfolg kann es dann ganz schnell gehen. Diesmal hat Dzikonski den Angriff seines Kontrahenten gestoppt und mustergültig gekontert – er lächelt triumphierend.

Florian Neuhauss

Externe Links:

www.tischfussball-blz.de

www.table-soccer.org

Quelle: kreiszeitung.de

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