"Waldameisen": Kindergartenkinder trotzen der Kälte

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Hannover. Patrizia Deumeland-Hartmann steht vor dem Bauwagen des Waldkindergartens in Hemmingen. Die Erzieherin ist warm eingepackt, ihre Füße stecken in dicken Winterstiefeln, auf dem Kopf trägt sie eine graue Wollmütze. Die Kälte scheint ihr nichts auszumachen. „Aber nach den wochenlangen Minusgraden freue ich mich natürlich auch schon wieder auf den Frühling“, sagt sie.

Um sie herum toben und rennen die Kinder der Gruppe: Mit den roten, blauen und gelben Winterjacken heben sie sich wie kleine bunte Wollknäule vor einer weißen Schneelandschaft ab. Ihre Wangen sind rot vor Kälte, aber keines der Kinder will in den beheizten Bauwagen zurück. „Wenn sie gut angezogen sind, geht es den Kindern gut“, sagt Patrizia Deumeland-Hartmann. „Die meisten von ihnen tragen fünf Schichten. Wenn man dann noch warme Handschuhe, zwei Mützen und wasserfeste Schuhe mit dabei hat, kann man es draußen gut aushalten.“

Denn die Kinder aus dem Waldkindergarten - die „Waldameisen“, wie sie sich nennen - spielen jeden Tag fünf Stunden lang draußen in der Natur. „Bei Wind und Wetter“, sagt Patrizia Deumeland-Hartmann. Und das heißt: Auch bei Schnee, Eis und Minusgraden. „Nur bei Stürmen oder Gewitter bleiben wir drinnen“, sagt die Erzieherin. Dann ziehen die Waldameisen in eine Notunterkunft nach Arnum, einem anderen Vorort von Hannover. „Manchmal bieten uns aber auch die Eltern an, dass wir zu ihnen kommen und den Tag dort verbringen dürfen.“

Das Konzept der Waldkindergärten gibt es in Deutschland seit den 90er Jahren. Die Idee dazu kam aus Skandinavien. Sie breitete sich schnell aus: Mehr als 700 Wald- und Naturkindergärten gibt es nach Angaben des Bundesverbandes der Natur- und Waldkindergärten derzeit in ganz Deutschland, allein in Niedersachsen sind es rund 60 Einrichtungen.

Die „Waldameisen“ in Hemmingen gibt es seit acht Jahren: Eine Elterninitiative gründete den Waldkindergarten 2002 mit Unterstützung der Stadt. Patricia Deumeland-Hartmann war von Anfang an als Erzieherin mit dabei. „Ich genieße es einfach zu sehen, wie frei sich die Kinder hier im Wald bewegen können.“ Im Vergleich zu anderen Kindern seien die „Waldameisen“ auch weniger krank, sagt sie. „Sie stecken sich nicht mehr so schnell untereinander an.“

Thomas Suermann, Sportmediziner und Internist aus Göttingen, kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Man vermutet, dass die saubere Luft und auch der Umgang mit Dreck den Körper widerstandsfähiger machen. Die Kinder haben beispielsweise weniger Allergien.“ Hinzu komme noch ein weiterer Aspekt: Die ausgiebige Bewegung der Kinder in der Natur kann Gesundheitsschäden vorbeugen. „Schon jetzt haben 20 bis 30 Prozent aller Schulkinder Probleme mit der Koordination“, sagt Suermann. „Sie können nicht richtig rückwärts laufen, auf einem Bein stehen oder einen Ball fangen.“ Umso wichtiger sei die Bewegung - gerade auch im Kindergarten. „In dieser Zeit entwickelt sich das Gehirn und man lernt, die Motorik zu koordinieren.“ Frost und Kälte seien dabei kein Hindernis: „Wer sich bewegt und warm angezogen ist, der friert auch nicht.“

Aber auch bei den „Waldameisen“ gibt es im Winter eine kleine Besonderheit: Normalerweise wird draußen gefrühstückt, aber ab null Grad ziehen die Kleinen auch mal in den Bauwagen um. „Die Brote trocknen in der Kälte schnell aus und schmecken dann nicht mehr so gut“, sagt Patrizia Deumeland-Hartmann.

Helen ist an diesem Tag eine der ersten im Wagen: Die Sechsjährige hat mit Freundin Viktoria nach den Spuren von Tieren Ausschau gehalten und schält sich jetzt zufrieden aus den warmen Kleidern. Sie kratzt ein wenig Schnee von den Schuhen und packt dann ihre Frühstücksdose aus. Ist ihr denn nicht kalt da draußen im Wald? Helen schüttelt verständnislos den Kopf. „Ne“, sagt sie dann. „Warum denn?“

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