Zweifel am Konzept

Reaktionen zum Leserbrief in der AZ von Nele Anders und Rolf Seidler vom 14. Januar 2012, („Pädagogisches Konzept der Oberschulen“)

Rolf Seidler und Nele Anders begründen den gemeinsamen Unterricht von Förder-, Haupt- und Realschülern in der „Oberschule“ unter anderem damit, dass lernstarke Schüler ihren Mitschülern den Stoff erklären und damit nicht nur deren, sondern auch ihr eigenes Niveau verbessern. Dieses Argument bedeutet aus Wenigem viel zu machen, denn selbstverständlich ist diese Art des Lernens auch an den Schulen des dreigliedrigen Systems praktizierbar, an denen es bekanntlich auch Leistungsunterschiede gibt. Doch nicht nur das: Kooperative Lernformen – ebenso wie der für ein zügiges Vorranschreiten im Stoff unverzichtbare Frontalunterricht – funktionieren besser an Schulen, deren Schüler in Interesse und Begabung einigermaßen homogen sind. Professor Dr. Roeder, von 1973 bis 1995 Direktor des Max Planck Instituts für Bildungsforschung, folgert aus einer Untersuchung an Gesamtschulen in Berlin: „Die Probleme des Unterrichtens in heterogenen, leistungsgemischten Lerngruppen sind durch Binnendifferenzierung nicht zu bewältigen. Die Studie „Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter“ mit 9000 Schülern aller Schulformen verschiedener Bundesländer kommt bei dem Vergleich der Gesamtschule mit Realschule/Gymnasium zu folgendem vernichtenden Ergebnis: „Bei gleichen intellektuellen und sozialen Eingangsbedingungen erreichen Realschüler am Ende der Sekundarstufe I etwa in Mathematik einen Wissensvorsprung von etwa zwei Schuljahren. Noch stärker sind diese Effekte, wenn man Gesamtschule und Gymnasium vergleicht. Bei gleichen intellektuellen und sozialen Bedingungen beträgt der Leistungsvorsprung in Mathematik am Gymnasium mehr als zwei Schuljahre.“ Die Konzeption des integrierten Unterrichtes – ganz gleich ob sie als IGS, als Inklusion oder mit dem Euphemismus „Oberschule“ getarnt daherkommt – ist seit langem wissenschaftlich widerlegt.

Rainer Pehlke,

Süttorf

Den dort monierten Leserbrief des Herrn Becker habe ich nicht gelesen. Darum kann ich nur zum Niveau der Antwort etwas schreiben. Die vielen neuen Konzepte im Bildungsbereich, die ich in den letzten 50 Jahren selbst und mit meinen Kindern erleiden durfte, kann ich gar nicht mehr ohne weiteres aufzählen. Sie haben alle eines gemein: Ein Problem wächst aus und wird mit einer Strukturreform behandelt, bis zum nächsten Mal. Dafür können die Lehrer vor Ort nichts. Ich glaube der Behauptung ja gern „dass wir in der Schule wissen, was wir tun“. Aber wissen das „die da oben“ auch? Das Konzept der Oberschule im neuen Sinn (ich war einmal auf einer im alten, das war die, auf die 8 Prozent der Schüler kamen) hat für einen wie mich, der davor auf einer Zwergschule war und das als Gewinn ansieht, leider ein paar Macken, die sich nicht zuletzt in den vorgetragenen Beispielen ausdrücken: Sicher können Schüler auch fachlich etwas voneinander lernen. Die Frage ist nur, ob das reicht und wohin das führt. Wird man – um beim Beispiel Sport zu bleiben – Meister, wenn im Tor eine Lusche steht, die vom Mittelstürmer wohlmeinend unterrichtet wird? Und was haben die „schlaueren“ Schüler davon, wenn sie den anderen etwas erklären? Beim Rechnen ist das ähnlich. Mathematik ist ein Lernfach. Erklären allein reicht da nicht weit, die Berichte aus der Praxis sind ein deutlicher Ausdruck. In der Schulpraxis wird wohl doch zu wenig geübt und zu viel diskutiert. Der Leserbrief suggeriert den Schluss, dass das Voneinander lernen ausreiche oder gar vorzuziehen sei. Ich vertrete den Standpunkt, unter fachkundiger Anleitung lernt es sich sicherer und schneller. Es geht in der Schule nicht nur darum, einen Pflichtenkatalog schnell abzuarbeiten, damit Zeit für anderes, ebenso wichtiges bleibt. Es geht auch darum, die 50 000 Stunden, die ein Mensch in seinem Leben zum Lernen hat, möglichst effektiv zu nutzen. Diese Zeit ist zu kurz, um sie zu verschwenden. Daher muss der Start in den Wissenserwerb unter fachkundiger Leitung und Ordnung erfolgen. Meiner Meinung nach ist es richtig, dass nicht alle Schüler „durch den gleichen Lerntrichter“ gepresst werden dürfen. Warum soll das gerade beim sogenannten längeren gemeinsamen Lernen besser sein? Meine Kinder waren in der Orientierungsstufe – und was hatten sie davon? Verlorene Schuljahre und Demotivation. Wieso soll das durch eine Strukturreform besser werden? Kommt es nicht gelegentlich ganz einfach auf den Lehrer an und weniger auf Struktur und Konzept?

Bernhard Weidner,

Bohlsen

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