Ziemlich deprimierend

Zur Umbenennung der Farinastraße: Schizophrener geht's nicht. Oder sollte man besser sagen, bodenlos dumm?

Würde der deutsche Dichter und Denker Heinrich Heine noch leben, hätte der vermutlich händeringend laut aufgestöhnt, „Denk ich an Uelzen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“, wobei Uelzen ja allerdings in Deutschland mental eingebettet ist. Aber Humanisten und Schriftsteller wie Heinrich Heine sowie ihre literarischen Werke wurden ja bereits von Nationalsozialisten á la Johann Maria Farina und manch anderen damaligen servilen Staatsdienern verbrannt und verfemt. Warum also sollten sich, gut 70 Jahre später, ausgerechnet Uelzens heutige Staatsdiener ihrer als mahnendes Menetekel erinnern? Und unbequeme Lehren daraus ziehen? Da erinnert man sich - zumal sich das am Totensonntag nun mal im Sinne von Dienst nach Vorschrift für manch' deutsche Beamten so gehört - doch lieber wieder des Herrn Ex-Bgm. Farina, lässt - Millionen-Stadtschulden hin oder her - auf Steuerzahlers Kosten einen Kranz binden, mit Schleife und „Stadt Uelzen“-Inschrift - und ehrt ihn posthum. Frei nach dem Motto:

Was kümmern uns die Verbrechen verbeamteter Honorationen von gestern. Man gönnt sich in Uelzen ja sonst nichts. Fehlte am 21.11. an Farinas Grab nur noch „Helm ab zum Gebet“.

Wohlgemerkt: Wir schreiben weder 1933 noch 1944 oder irgend ein Jahr dazwischen. Auch nicht die ersten Jahre nach seinem Tode 1951, wo Herr Prof. Vogtherr in seinem Gutachten vom 20.08.2009 noch konzedierte, Farina habe sich im Konsens mit der Mehrheit des deutschen Volkes befunden. Inzwischen schreiben wir allerdings das Jahr 2010 und wissen inzwischen sehr viel mehr über NS-Verstrickungen. Soweit man das an sich rankommen lässt. Davor ist nämlich der Drehtüreffekt des Memento mori auf uelzisch: Ins Rathaus reingehen im Geiste tat Farina als unverbesserlicher PG. Bis auf die Herren und Damen StadtvertrerInnen von der CDU war das unstrittig. Drinnen gab's am 21. Juni 2010 die Aberkennung seiner „Ehre“. Schweren Herzens allerdings. Als er wieder rauskommt aus der Drehtür zum Totensonntag, trägt er den ihm geflochtenen Lorbeerkranz im Namen der Stadt Uelzen. Wenn das keine imagepflegende „Vergangenheitsbewältigung“ ist... Unverbesserliche Antifaschisten und Demokraten charakterisieren das allerdings als Schizophrenie. Mitläufersyndrom und Helfershelferkontinuität ist sicher auch nicht verkehrt. Zu wissen, dass solche Steigbügelhalter auch noch im Jahre 2010 in Amt und Würden sind, ist ziemlich deprimierend.

Borvin Wulf,

Suderburg

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