WSO-Neujahrskonzert - ein Aufschrei

Leserbrief zum Neujahrskonzert des WSO in Bad Bevensen, Artikel vom 6. Januar in der AZ:

Eigentlich wollte ich das WSO-Neujahrskonzert dieses Mal schwänzen - welch ein Glück, dass ich doch hin gegangen bin. Für Überraschungen sind die Wendländer ja immer gut. Herzerfrischende Spielfreude und ausgefallene Programmauswahl sind ihre Markenzeichen. Nicht ohne Grund sind die Vorstellungen des WSO in Bad Bevensen seit Jahrzehnten immer nahezu ausverkauft. Aber ein derartig aufwühlendes Konzert wie in diesem Jahr ist schon ein ganz besonderes Erlebnis. Da geht man nichts ahnend in dieses Neujahrskonzert, erwartet zwei Stunden kurzweilige musikalische Einstimmung in das Neue Jahr - und dann das! Da kommt ein sympathischer junger Dirigent daher, der aussieht, als würde er noch in seinen Konfirmationsanzug passen,dabei aber soviel menschliche Wärme ausstrahlt, dass einem unweigerlich das Herz aufgeht. Und zusammen mit seinem bunt zusammengewürfelten Orchester fegen sie mit ihrer Musik das triste Alltagsgrau vom Tisch. Nach diesem Jahr 2011 voller lauwarmer, selbstmitleidiger, scheinheiliger Politikerbekenntnisse à la Guttenberg, Wulff und wie sie noch alle hießen, nachdem man fast vergessen hatte, dass es so etwas gibt wie Ehrlichkeit, da klang diese Schostakowitsch-Sinfonie wie ein Aufschrei, übersetzt in die heutige Zeit vielleicht so: "Nein! Wenn wir es nicht zulassen, dann wird diese Welt nicht regiert von macht- und geldgierigen Egoisten, von Waschlappen, die ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht werden und nicht mal für ihre eigenen Fehler gerade stehen können." Das WSO machte mit seiner Interpretation schmerzhaft deutlich: Musik dient nicht nur der Unterhaltung, sie ist sehr wohl in der Lage, Organ gesellschaftspolitischer Stimmungen zu sein. Die Musik kam daher wie ein Wirbelsturm, rührte zu Tränen der Erleichterung, machte Mut sich zu erheben für eine bessere Welt. Und das alles mit ein paar schwarzen Noten auf weißem Papier, einem stattlichen Arsenal akustischer Instrumente (ohne elektrischen Verstärker und Lightshow!) und viel Herzblut der Akteure. Wow! Ein großes Dankeschön an die Musiker des WSO und ihren Dirigenten. Danke für die Musik und für das Wachrütteln. Ich freue mich schon auf das Neujahrskonzert 2013.

Andrea Burmester, Jelmstorf

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