Werden wir eine "Bild"-Republik?

Jörg Rittinghaus zum Thema Bild Zeitung:

Schon vor Jahrzehnten drohte man einem Kontrahenten in Auseinandersetzungen weniger mit juristischen Schritten sondern mit: ,,Das gebe ich an die Bild“. Warum ist die Furcht vor der größten deutschen Zeitung größer als vor der verfassungsfundierten Justiz? Medien, allen voran die besagte große Zeitung, können ihr eigenes Äquivalent zur offiziellen Justiz anwenden. Sie können auswählen wer Ziel eine Medienkampagne wird. Mit Balkenüberschriften oft, wahrscheinlich um eventuellen Verleumdungsklagen zu entgehen mit Fragezeichen, werden die Opfer in ihrem sozialen Umfeld und meistens auch im Berufsfeld geschädigt. Selbst wenn jemand die Kampagne ohne Rücktritt übersteht, bleibt die Meinung: „ Irgendetwas muss doch wohl dran gewesen sein.“ Eine solche Kampagne schädigt nicht nur die Zielperson sondern auch seine Familie, besonders wenn Schulkinder betroffen sind. Man könnte in der Wirkung Parallelen zu totalitären Staaten und mittelalterlichem Strafvollzug sehen. Sippenhaft und Pranger in moderner Form. Der Grundsatz der Gleichheit im Sinne des Grundgesetzes §1 Abs.3 scheint im medialen Kampf gegen die zu bekämpfende Person außer Kraft gesetzt zu sein. Was bei „Normalbürgern“ nicht im geringsten kritikwürdig wäre, dass heißt gemäß der Kreditwürdigkeit besonders günstige Bedingungen zu erhalten, ob privat oder von der Bank, gilt beim Bundespräsidenten als verwerflich. Der Wutausbruch des Bundespräsidenten über die perfiden, scheibchenweisen Veröffentlichungen zum Privatkredit bis hin zur Privatsphäre, müsste für jeden Bürger nachvollziehbar sein. Beim Bundespräsidenten wird gleich mit dem großen Hammer „Angriff auf die Pressefreiheit“ zugeschlagen. Das ist völlig unsinnig, da die besagte Zeitung ein viel größeres Machtpotential hat. Eine solche Auslegung des Angriffs auf die Pressefreiheit muss den mutigen Journalisten, die in vielen Ländern unter Einsatz von Freiheit und Leben für die Meinungsfreiheit kämpfen, wie ein Hohn vorkommen. Die Judikative ahndet gemäß der Schwere einer Straftat, das mediale Äquivalent hingegen selektiert nach Kriterien wie:

- Wie lange lässt sich eine Kampagne vermarkten? - Ist die Person interressant genug um einen hohen Imagegewinn zu erreichen? Einen Bundespräsidenten „zur Strecke“ zu bringen, wäre ein enormer Prestigegewinn. - Hat man eventuell Nachteile? Der ehemalige Außenminister Fischer hat in seiner Apo-Zeit schwerere, kriminelle Fehlhandlungen begangen, als man sie dem Bundespräsidenten unterstellt. Die Apo hat jedoch 1967 den Springer Konzern schwer angegriffen und in Bedrängnis gebracht. Vielleicht ist da eine „Fischerphobie“ zurück geblieben, die ihn vor vernichtenden Medien-Kampagnen geschützt hat.

Nicht der Bundespräsident selbst sondern die unberechtigte Medienkampagne hat das Amt des Bundespräsidenten beschädigt. Die Italiener können in Anbetracht ihrer Wirtschaftsmisere und der „Berlusconi Erfahrung“ den Spruch aus den Asterix-Comics, der sich auf ihre Vorfahren bezog, umwandeln: „ Die spinnen, die Deutschen“.

Jörg Rittinghaus, Schlieckau

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