AZ-Leserbrief

„War es tatsächlich Nichtreden?“

Drill, Schläge und Belohnung sollen die Kinder völkischer Familien auf das Leben im „Hassmillieu“ vorbereiten, schreibt Prof. Dr. habil. Thomas Vogel in seinem Leserbrief.
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Drill, Schläge und Belohnung sollen die Kinder völkischer Familien auf das Leben im „Hassmillieu“ vorbereiten, schreibt Prof. Dr. habil. Thomas Vogel in seinem Leserbrief.

Zur Kolumne „Beherzt sein und das Gegenteil“, AZ vom 20. August, erreichte die Redaktion diese Lesermeinung:

Es ist keine neue Erfahrung, die Hans-Helmut Decker-Voigt in seiner Kolumne beschreibt. Völkische Siedler in unseren Dörfern und ihre AfD-Gesinnungsverwandten begegnen ihren Mitmenschen zunächst mit Freundlichkeit, zeigen sich höflich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Aber ... die Widersprüche zwischen der Freundlichkeit seines Nachbarn und der menschenverachtenden Ideologie der AfD sollte einem einigermaßen informierten Autoren auffallen.

Die Würde des Menschen unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft oder Geschlecht, wie es der Artikel 1 unseres Grundgesetzes fordert, ist für die Rechtsextremen eben nicht unantastbar. Die AfD besitzt ein ethnozentristisches Verständnis des deutschen Volkes auf Basis von Abstammung, das nicht der Verfassung entspricht.

Viel Sympathie empfindet Decker-Voigt mit seiner AfD-Nachbarsfamilie. Er freut sich, dass die Jungen mit einem angedeuteten Diener grüßen und wäre bei einem Knicks des Mädchens „sentimental gerührt“. Abgesehen davon, dass der Kolumnist hier selbst ein antiquiertes Bildungsverständnis durchscheinen lässt, sollte er doch genauer hinschauen, durch welche Erziehungsmethoden die Gesten hervorgebracht werden. Es gibt nicht viele Kinder, die sich später in ihrem Leben aus den Fängen ihrer rechten Gesinnungsgemeinschaft befreit haben. Aber diejenigen, denen es gelingt (wie Heidi Benneckenstein), berichten von Drill, Schlägen und Belohnung zur Vorbereitung auf ein Leben im rechten Hassmillieu. In jungen Jahren werden sie in konspirative Ferienlager verschickt, wo bereits für die Kleinen paramilitärischer Drill auf dem Programm steht. Deshalb sei dringend empfohlen, das Verhalten von Nachbarskindern aus rechtsorientierten Familien mit einem kritischeren und fürsorglicheren Blick zu begleiten.

Ist es tatsächlich, wie Decker-Voigt behauptet, das „Nichtreden“ gewesen, das uns Deutsche schon einmal ins „Schlimmste“ führte? War es nicht vielmehr anfangs die mangelnde Zivilcourage der Masse, dann die Gewalt der SS-Schergen auf den Straßen und schließlich ein Klima der puren Angst? ...

Worin sieht der Kolumnist Decker-Voigt den geforderten Redebedarf? Die Autoren Andrea Röpke und Andreas Speit schreiben in ihrem Buch, dass sich die völkische Vereinnahmung nicht mit Gesprächsangeboten an deren Ideologen stoppen lasse, denn diese wollen nicht über eine offene Gesellschaft reden, sondern diese komplett umwälzen.

Aber, wer weiß, vielleicht hilft ja reden doch? Herr Decker-Voigt könnte ja zunächst einmal mit seinem AfD-Nachbarn über dessen Menschenbild und Haltung zum Art. 1 unseres Grundgesetzes, der als Konsequenz des Holocaust in unserer Verfassung an oberster Stelle steht, reden und uns anschließend in seiner nächsten Kolumne berichten.

Prof. Dr. habil. Thomas Vogel, Natendorf

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