„Vom Ich zum Wir“

Zur Kolumne „Wie ich es sehe“ von AZ-Verleger Dirk Ippen, „Auf leisen Sohlen zur staatlich gelenkten Energiewirtschaft“, AZ vom 29. September:.

Ippen plädiert für „freie Energiemärkte“, wobei seine Betonung auf „freie“ liegt. Mit nichts wird vor allem in Politik und Wirtschaft so viel Schindluder betrieben, wie mit „Freiheit“.

Was „freie Kapitalmärkte“ der Mehrheit der Menschen dieser Welt an sozialer Verelendung eingebrockt haben, erleben – so sie überleben – die Hungernden und Entrechteten tagtäglich auf allen Kontinenten.

Was ist das für eine Argumentation und Beweisführung im Zusammenhang des Pro und Contra einer staatlich gelenkten Energiewirtschaft, wenn Sie, Herr Ippen, eine Parallele von staatlichen Lenkungseingriffen in der ehemaligen DDR zu staatlichen Lenkungseingriffen in der Energiewirtschaft der BRD ziehen, und Sie sich vor allem daran stoßen, dass Sie einst auf einer Reise in die ehemalige DDR ein Ladenschaufenster erblickten, mit der amtlichen Aufschrift „Das städtische Gewerbeamt hat genehmigt, dass dieses Geschäft bis auf Weiteres geschlossen bleiben darf“?

Dafür kann es unzählige objektive Gründe gegeben haben. Sie, Herr Ippen, stoßen sich an dem Wörtchen „darf“. Oder ist es das Wort „genehmigt“? In den Kategorien, in denen Ihr Denken gefesselt ist, hat staatliche Planung, Fürsorge und gesamtgesellschaftliche Verantwortung offenbar keinen Platz und wird als Bevormundung begriffen. In dem von Ihnen präferierten Gesellschaftsmodell entscheidet der Privatunternehmer und das ihm innewohnende Herrschafts-, Verfügungsgewalt- und Profitinteresse, ob er seinen „Laden“ geöffnet hält, oder ob er ihn zeitweise oder ganz dicht macht. Die Kundenbedürfnisse und -erfordernisse sind ihm nachrangig. Beziehungsweise sie sind ihm nur so lange wichtig, wie er von ihnen profitiert.

In einer auf Solidarität und sozialer Gleichheit angelegten sozialistischen Gesellschaftsordnung hingegen tragen, was die Strukturen anbelangt, die Verantwortlichen im Gegensatz zur so gennanten Marktwirtschaft die soziale Verantwortung dafür, dass ein Betriebsleiter nicht allein nach individuellen Gründen und Motiven „frei“ entscheidet, ob ein Konsum- oder Dienstleistungsangebot vorhanden ist.

Im Gegensatz zum Kapitalismus, der in Wahrheit alles andere als frei ist, ist im Sozialismus konstitutiv der Mensch auf Gegenseitigkeit verpflichtet. „Vom Ich zum Wir“ ist „Zwang“ im emanzipatorisch positiven Sinne, genau so, wie jeder Mensch auf den anderen, etwa im Verkehr und auch sonst, Rücksicht zu nehmen hat, wenn das gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren soll und Menschen sowie ihre Würde nicht auf der Strecke bleiben.

Da die Energieversorgung für jeden Menschen von existenzieller Bedeutung ist, sollte man sie keinesfalls dem unberechenbaren „freien Spiel der freien Kräfte“ überlassen. Energieversorgung und ihre Netzstruktur gehören, ebenso wie die Trinkwasserversorgung, ausnahmslos in Staatshand.

Borvin Wulf,

Suderburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare