Leserbriefe

Zu viel Gutmenschentum

Karl Jongeling aus Uelzen schreibt über die Fotomotivauswahl zum Bericht „Knochenarbeit, die unter die Haut geht“ (AZ, 20. Juni 2015):

Ein schwarzer Arm eines Menschen, der an einem Salzsee in Senegal Salzstücke aufsammelt: Einer der Gutmenschen unter unseren Journalisten gibt dem Bild den Untertitel: „Knochenarbeit, die unter die Haut geht.“ Und viele Leser nicken. So einen Unsinn kann nur jemand schreiben, der sein ganzes Leben nicht körperlich gearbeitet und dabei das Erlebnis gehabt hat, dass körperliche Arbeit auch Befriedigung verschaffen kann.

Vielleicht verdient der „arme Schwarze“ damit das Geld, mit dem er seine Familie ernähren kann. Die Lüneburger sind ja einst durch das Salz reich geworden. Wurden die Sülfmeister auch permanent dehydriert? Vielleicht verhindert ja dieses Salzsammeln, dass der arme Mann den langen Weg ans Mittelmeer antritt, um dort zu ertrinken.

Als Kinder mussten wir beim Kartoffellegen und bei der Ernte mithelfen. Mit bloßen Händen haben wir die Knollen aus der Erde gekratzt und waren stolz. „Kinderausbeutung“ würden unsere Gutmenschen schreiben. Aber wir sind nicht verhungert.

Als Student habe ich mir das Geld für die ersten vier Semester auf einer Ziegelei verdient und dort an sechs Tagen in der Woche mit bloßen Händen jeden Tag fünfzig Tonnen Rohlinge in die Trockengerüste gepackt oder auf dem Boden aufgeschichtet. Meine Lohnstreifen habe ich immer noch.

Liebe Gutmenschen unter den Journalisten! Denkt das nächste Mal ein wenig nach, bevor ihr wieder solchen Unsinn unter ein Bild schreibt. Übrigens: Dieser „dehydrierte“ Senegalese, der sich dauernd bücken muss, wird wahrscheinlich im Alter nicht unter den Rückenbeschwerden leiden, deretwegen unsere Computermenschen dann dauernd den Arzt aufsuchen.

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