Das verschwundene jüdische Modehaus

Gernold Urban schreibt über das Modehaus S. Plaut in Uelzen:

Mit großem Interesse habe ich die Leserbriefe der Herren Banse und Thiel gelesen. Die Kaufhäuser Barasch in Breslau, Heilbutt in Hamburg, Conitzer in Marienwerder/Westpr., Allenstein/Ostpr. nebst weiteren 20 Häusern, sowie Plaut, Uelzen, mit ihrer jüdischen Vergangenheit, sind praktisch als Namen in Deutschland verschwunden. Es gehörte im Rahmen des Arisisierungsprozesses der Nationalsozialisten unbedingt dazu, die jüdischen Namen zu tilgen. An dem Modehaus S. Plaut in Uelzen waren Hermann Conitzer, geboren am 1. Februar 1862 und sein Neffe Alfred Conitzer, geboren am 16. Januar 1881, fast 20 Jahre lang erfolgreich beteiligt. Die entsprechenden Eintragungen der Conitzer-Zeit sind im Handelsregister „Nr. 93 Firma Plaut, Uelzen“ unter der Signatur 172 Acc. 2005-096 Nr. 865 und Nr. 866 im Niedersächsischen Landesarchiv – Hauptstaatsarchiv Hannover – nachzulesen. Am 30. April 1936 vermerkt das Handelsregister: „Die Gesellschaft ist aufgelöst. Die Firma ist erloschen“. Drei Monate vorher, am 24. Januar 1936 veröffentlichte Ludwig Zierath in der örtlichen Presse folgende Anzeige u.a. mit folgender Textpassage: „ Ich habe nunmehr endgültig das Kaufhaus S. Plaut, Uelzen käuflich erworben und werde das Geschäft in denselben Räumen und Umfange unter der Firma Ludwig Zierath weiterführen. Ich weise hierdurch darauf hin, dass die Inhaber der neuen Firma rein arischer Abstammung sind und dadurch das Hindernis für viele, bei uns zu kaufen, weggefallen ist“. Unter der HR-Nr. 389 vom 15. April 1936 ist im Handelsregister vermerkt: „Ludwig Zierath, Kaufmann in Uelzen“. Am 09. November 1938 unter Bemerkungen: „Umgeschrieben gem. der Allgemeinen Verfügung vom 12. August 1937 nach HRA Nr. 553 vom 9. November 1938.“ Die jüdischen Vorbesitzer sind damals in Deutschland in allen Fällen zum Verkauf gezwungen worden. Einige standen als Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 vor dem Ruin, hatten durch die Machtübernahme 1933 finanziell keine Möglichkeiten mehr zu expandieren oder waren durch die herbeigeführte und dann auch förmlich legalisierte Arisierung zur Aufgabe ihrer Geschäfte gezwungen. Beispielhaft dafür ist die Enteignung der Kaufhäuser von Hermann Tietz (Hertie, KaDeWe Berlin). Hermann Conitzer starb am 29. Oktober 1936 in Berlin und wurde auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem beigesetzt; seine Frau und die Kinder mussten Deutschland verlassen und sind nach Südamerika ausgewandert. Alfred Conitzer wurde zur Auswanderung gezwungen und starb am 26. Januar 1951 in La Paz in Bolivien.

Gernold Urban, Uelzen

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