Verordnete Trauerarbeit?

AZ-Leser Wolfgang Schneider gibt zu bedenken, dass sich nicht jeder mit dem Stil der Trauerarbeit zum Thema Auschwitz identifizieren kann. Foto: dpa

Zur Berichterstattung über den 70. Jahrestag der Befreiung der Überlebenden aus dem KZ Auschwitz schreibt Wolfgang Schneider aus Uelzen-Holdenstedt:.

In diesen Tagen wird unter anderem des 70. Jahrestages der Befreiung aus dem KZ Auschwitz-Birkenau gedacht. Zeitgleich wurde das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie veröffentlicht, wonach über 81 Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass es Zeit sei, das dauernde Gedenken zu beenden. Dass die damals begangenen furchtbaren Verbrechen im höchsten Maß verabscheuungswürdig sind und dass diese Zeit ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte darstellt, ist sicher unstrittig. Das Ergebnis der besagten Studie verdeutlicht aber, dass auch der Umgang mit Schrecklichem ganz so einfach doch nicht ist.

Die nähere Betrachtung zeigt keinesfalls, dass besagte 81 Prozent die schrecklichen Ereignisse verdrängen oder verharmlosen wollen, sondern dass sie mit dem Stil der verordneten Trauerarbeit und der zum Ritual gewordenen (Außen-)Darstellung nicht einverstanden sind. Hinzu kommt, dass es zu allen Zeiten fragwürdig war, pauschale Schuldzuweisungen vorzunehmen.

Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass „gelenkte Trauer“ und gewollte Betroffenheit eher das Gegenteil bewirken. Ein Mensch, dem ständig gesagt wird, wie schlimme (Ur-)Großeltern er hatte und welch schreckliche Dinge in „aller“ Namen geschehen sind, hat Probleme, dies zu akzeptieren, weil es ihn so nicht betrifft und auch weil ein politisch gewolltes schlechtes Gewissen kausal keinen Sinn macht. Ein Mensch, dem ständig gesagt wird, dass er ein Ekel ist, glaubt dies nicht irgendwann, sondern er verachtet den Schuldzuweiser. Dass kein (geschichtsbewusster) Deutscher stolz auf dieses Fenster seiner Geschichte sein kann, sollte doch wohl nicht den Eindruck wecken, man könne nicht auch Positives in unserer Vergangenheit oder Gegenwart finden.

Eine angeprangerte „Kultur des Vergessens“ hat es in Deutschland ernsthaft nicht gegeben, es ist aber leider zu befürchten, dass daraus eine solche des Ablehnens und Verdrängens wird, weil man sich damit nicht mehr inhaltlich befasst, sondern nur noch mit routinierter gelegentlicher Betroffenheit an passenden Gedenktagen. Ist eine solche Tendenz wünschenswert?

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