Urteil den Lesern überlassen

Zum Leserbrief „Uns Bauern stinkt es gewaltig“:

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich auf den veröffentlichten Leserbrief von Herrn P. von Engelbrechten reagieren soll. Die Reaktionen, die ich persönlich auf meinen Leserbrief bekam, veranlassen mich, doch zu antworten.

(Anmerkung: Der Onlineweg ist auf 1.000 Zeichen begrenzt – der Leserbrief von Herrn v. Engelbrechten umfasst dagegen über 4.700 Zeichen... deshalb diese Mail im Interesse einer „Chancengleichheit“....)

Adel und/oder gleichartige Berufsausübung verpflichtet offenbar. Da bin ich froh, dass meine Familie schon vor mehr als 200 Jahren ihren Adelstitel (v. Katzmann) abgegeben und den Namen „Agricola“ angenommen hat. Weil ein Teil der Familie – zu dem ich nicht unmittelbar gehöre - bis zum heutigen Tag Landwirtschaft betreibt.

68 % meines damaligen Leserbriefes beschäftigen sich mit dem von Herrn v. Meltzingen abgeholzten für alle wertvollen Baumbestand. Der 130 % meines Leserbriefes umfassende Erwiderungsbrief hat nur die verbleibenden 32 % zum Inhalt. Als ehem. Boxer empfand ich dessen Inhalt als „unter die Gürtellinie gehend“. Und als sehr langjähriger Lehrbeauftragter der FH Köln lautet mein Urteil: Thema verfehlt.

Aber auch inhaltlich lässt die Erwiderung „einiges“ zu wünschen übrig. Deshalb gestatte ich mir die Richtigstellung:

Die Zuwendungen – also Subventionen – aus öffentlichen Haushalten bezahlen wir alle. Auch die Landwirte. Atomstrom sorgt keinesfalls dafür, dass Strom „pro forma“ billig bleibt. Sondern nur für die gefüllten Kassen der Betreiber – und er beschert uns allen noch für viele Generationen unglaublich hohe Folgekosten. Was der Atommüll mit den Lebensmittelkosten – die sich zwangsläufig jeder leisten muss (wenn er nicht verhungern will...) zu tun hat, bleibt mir leider verborgen. Würden die Subventionen – und zwar alle Subventionen, nicht nur die der Landwirte! - auf das für uns alle dringend erforderliche Maß (z. B. für Sozialkosten, Natur- und Landschaftsschutz) gekürzt, könnten dafür die Steuern erheblich gesenkt und/oder der „Schuldenberg“ abgebaut werden. Sondersteuern auf bestimmte Pestizide ein Verbot für das Einbringen von unbehandelten Abfällen aus Großmast- und Zuchtbetrieben (= „Fleischveredelungsbetriebe“) würde den Gestank in Norddeutschland erheblich senken. Uns Bürger würde es sehr viel weniger stinken.... und die Gefahr von weiteren Bodenverunreinigungen wäre zumindestens verringert.

Die dann unvermeidlich höheren Lebensmittelpreise sorg(t)en dann zusätzlich für weniger Mais- und Rapsanbau. Natürlich müsste auch der ökologisch vollkommen unsinnige E10-Sprit vom Markt genommen werden. Vielleicht würde auch das „Fast food“ und Tiefgefrorene Lebensmittel so teuer, dass die Menschen wieder zu frischen Lebensmitteln wie Kartoffeln, Gemüse, Obst greifen. Die billiger und z. T. auch gesünder sind als die Fertigkost. Und die können selbst von Hartz IV-Empfängern bezahlt werden.

Übrigens: Ich kaufe meine Weihnachtsgans, Enten und Hühner und anderes beim Landwirt Sauck in Rosche. Da kann ich u. a. vom Küken bis zum Schlachttier beim Vorbeifahren sehen, wie gesund und artgerecht diese Tiere gehalten werden. Und wenn ich für meinen weiteren Bedarf zuverlässige Hofläden finde, kaufe ich auch den direkt vom Erzeuger. Und nicht in irgendeine r unkontrollierbaren Handelskette.

Aber – außer auf die abgeholzten Bäume wollte ich eigentlich nur darauf aufmerksam machen, dass wir alle nur ein Leben und eine Erde haben. Und deshalb mit beidem sehr pfleglich umgehen müssen, um es solange als möglich zu behalten. Und das Zuwendungen (= Subventionen) und insbesondere auch Eigentum verpflichtet – letzteres steht sogar im Grundgesetz. Und gilt nicht nur deshalb auch für Landwirte. Und: Es ist die Scholle der Landwirte, die es für die Zukunft zu erhalten gilt. In unser aller Interesse.

Jährlich sterben einige hundert Verkehrsteilnehmer oder erleiden schwerste oder schwere Verletzungen durch von landwirtschaftlichen Fahrzeugen verschmutzten Straßen oder unzureichend gesicherten landwirtschaftlichen Maschinen auf öffentlichen Straßen. Jeder einzelne Schwerverletzte oder Tote ist einer zuviel. Hier von „Pauschalierung“ zu sprechen ist eine ungeheure Blasphemie. Denn wir sind alle Gotteskinder. Auch unsere – ansonsten wohl weitestgehend „vernünftigen“ Landwirte in Nateln haben noch nicht begriffen, dass sie bei ihren viel zu schnellen Fahrten mit den riesigen Traktoren und Landmaschinen durch unseren kleinen, engen Ort Menschenleben gefährden – um den Preis von max. 15 eingesparten Sekunden pro Fahrt! Hier ist ein Umdenken ebenfalls schnellstens zwingend notwendig.

Lebensunwürdige Umstände in industriealisierten Tierhaltungsbetrieben sollten endlich der Vergangenheit angehören. Vergessen wir nicht, dass es die (damalige) Bauernlobby war, die die Politik daran hinderte, rechtzeitig umzusteuern.

Wer sich mit dem Leserbrief letztendlich wirklich blamiert hat, überlasse ich selbstverständlich den Lesern zur Beurteilung.

Und nicht zuletzt: Wir wohnen erst seit 2 ½ Jahren hier. Unseren Garten haben wir zu einer Bienenweide in der ganzen Vegetationsdauer „umgebaut“. Davor wohnten wir am Stadtrand von Köln. Hier fühlen wir uns wohl. Weil wir hier von freundlichen, hilfsbereiten Menschen umgeben sind. Und man sich hier weitestgehend aufeinander verlassen kann. Obwohl wir in Köln eine erheblich größere Artenvielfalt an Vögeln hatten, als hier auf dem Lande.... Die neuen Straßen hier – eine Wucht! Nateln wird in diesem Jahr sicherlich einer der schönsten Heideorte sein.

Norbert Blazytko,

Nateln

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