Zur Berichterstattung über die Kritik am Leiter des Uelzener Lessing-Gymnasiums wegen eines Schülers, der die Reichsflagge in einem Schul-Onlineprofil hat (AZ vom 11. Februar):

Leserbrief: „Erziehung versagt zweimal“

Schule hat eine pädagogische und gesellschaftspolitische Verantwortung wahrzunehmen, schreibt Professor Thomas Vogel über den Umgang des LeG mit einem Schüler, der die Reichsflagge im Schulonline-Profil zeigte.
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Schule hat eine pädagogische und gesellschaftspolitische Verantwortung wahrzunehmen, schreibt Professor Thomas Vogel über den Umgang des LeG mit einem Schüler, der die Reichsflagge im Schulonline-Profil zeigte.

Zur Berichterstattung über die Kritik am Leiter des Uelzener Lessing-Gymnasiums wegen eines Schülers, der die Reichsflagge in einem Schul-Onlineprofil hat (AZ vom 11. Februar):

In der Angelegenheit um einen Schüler am Lessing-Gymnasium (Uelzen), dessen Familie zu den Völkischen Siedlern zählt und der in seinem Schul-Online-Portal die Reichsflagge gezeigt hat, gibt es zwei pädagogische Problemkreise zu bedenken. Zunächst hat bei diesem Jugendlichen bereits die familiäre Erziehung versagt. Er ist Opfer eines völkischen (Familien-) Umfelds, das ihm bisher nicht die Spur einer Chance gegeben hat, eine selbstbestimmte Persönlichkeit zu werden. Was man über Erziehung in Kreisen von völkischen Siedlern einigermaßen genau weiß, ist, dass die Eltern relativ erfolgreich das Weltbild, das sie meist selbst erfahren mussten, in ihren Kindern erzieherisch reproduzieren.

Ein Ausbrechen aus dem ideologischen Denken scheint für die Menschen, die weitgehend in gleichgesinnten Kreisen verkehren, für die Weltoffenheit ein Fremdwort ist und die Andersdenkende nur in Freund-Feind- Kategorien sehen, nahezu ausgeschlossen. (...)

Unsere oft hilflosen Versuche, Jugendliche aus dem rechtsextremistischen Umfeld völkischer Siedler zu bekehren, erleben diese persönlich eher als Erfolg. In ihren Augen erscheinen wir lächerlich; sie sind aus ihrer eigenen Erziehungsbiographie heraus harte Konsequenz gewohnt und können mit Toleranz, Offenheit und Diskussion kaum umgehen. Sie bewegen sich in einem gedanklichen Käfig, deren Gitterstäbe sie nicht sehen (können).

Bildung ist ein Prozess des Aufwachens. Der Mensch soll sich im Bildungsprozess zunehmend seiner eigenen Prägungen durch Elternhaus und Gesellschaft bewusst werden, sich so selbst erkennend befreien und ein Selbstbewusstsein entwickeln. Solches Glück von Bildung ist den jungen Menschen, die von einem streng ideologischen Umfeld geprägt sind, weitestgehend verstellt.

Das zweite erzieherische Versagen droht nun seitens der Schulleitung des Lessing-Gymnasiums. Sie müsste sich gegenüber dem Jugendlichen, der, einen juristischen Graubereich nutzend, seine verfassungsfeindliche Gesinnung zum Ausdruck bringt, klar positionieren. Sie muss das weniger aus erzieherischem Optimismus gegenüber diesem Jungen machen als vielmehr als Zeichen demokratischer Haltung der Schule insgesamt gegenüber der übrigen Schülerschaft, besonders auch gegenüber denen, die sich politisch engagieren.

Als Gesinnungsfreunde des jungen Mannes vor einem halben Jahr die Reichsflagge auf den Stufen des deutschen Parlaments trugen und es stürmten, bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der deutschen Geschichte diese Symbolik als verabscheuungswürdig und unerträglich. Die Schulleitung des LeG kann sich deshalb in dieser Sache nicht mit dem rein juristischen Argument zufriedengeben, es handele sich hier „nicht um ein verbotenes Symbol“. Sie darf auch die menschenverachtende Agitation dieses Jungen nicht mit dem weltweit anerkannten Engagement der „Fridays for Future“-Bewegung auf eine Stufe setzen und ihm (...) so noch einen Erfolg bereiten.

Schule hat eine pädagogische und gesellschaftspolitische Verantwortung wahrzunehmen und sich explizit zu distanzieren. Denn wer nur gleichgültig Neonazismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus duldet, wer sich nicht eindeutig und aktiv von dem extremistischen Umfeld abgrenzt, macht sich mit ihnen gemein.

Nach dem Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, dem Anschlag auf die Synagoge von Halle und den rechtsextremistischen Morden von Hanau sollte diese Lehre mittlerweile jeder begriffen haben. Wegschauen ist da nicht mehr erlaubt. Professor Thomas Vogel, Natendorf

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