Der Leser hat das Wort

Leserbrief zu „Keine harmlose Protestveranstaltung“ (AZ vom 27. Dezember 2021)

Blumen, die bei einem Corona-Protest niedergelegt wurden.
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Sind Corona-Protestler zumeist friedlich oder geht es auch um Provokation und Gewalt? Die Meinungen gehen bei der Beantwortung dieser Frage auseinander.

Auf den Leserbrief „Keine harmlose Protestveranstaltung“ (AZ vom 27. Dezember 2021), der sich auf den Corona-Spaziergang vom 18. Dezember in Uelzen bezog, reagieren diese Leser:.

Darf ich fragen, wie Sie, Herr Dr. Thiel, Demokratie definieren? Sie sind entsetzt darüber, dass Menschen, die Ihre Meinung nicht teilen, still und friedlich gemeinsam zum Rathaus gehen und dort Kerzen abstellen möchten. Da die Polizei nicht eingegriffen hat, ist es wohl weder zu gefährlichen Situationen noch zu Ausschreitungen gekommen, schließlich kennen unsere Polizisten ihren Job sehr gut und bedürfen keiner Belehrung. Ich war nicht vor Ort und halte mich aus jeder Bewertung der derzeitigen Situation heraus.

Was mich erschreckt, ist die Unverfrorenheit, mit der Sie fordern, die Meinungsfreiheit rigoros abzuschaffen. Nicht jeder Impfskeptiker und Coronamaßnahmen-Kritiker ist ein Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremist, Radikaler oder Demokratiefeind! Diese Grüppchen gibt es überall in der Gesellschaft, nicht nur auf Demonstrationen. Was die Corona-Situation betrifft, sind auch Richter und Ärzte schon zu verschiedenen Ergebnissen gekommen.

Zurück zum Demokratiebegriff: Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „vom Volke aus“. Selbstverständlich gibt es innerhalb eines Volkes verschiedene Meinungen, da es immer verschiedene Informationsquellen gegensätzlichen Inhaltes gibt. Und es gibt auch eine Enttäuschung und Verwirrung aufgrund ständig wechselnder Aussagen und deren Korrekturen aus der Politik. Bei der Fülle der Informationen, die auch keineswegs aufgrund ihres geistigen Niveaus in „richtig“ oder „falsch“ unterscheidbar sind, ist es doch mehr als verständlich, dass die Bürger auf der Suche nach der Wahrheit zu verschiedenen Ansichten kommen.

Demokratie heißt, diese zuzulassen und auch zu tolerieren, dass sie öffentlich geäußert werden. Selbstverständlich würde Gewalt auf Seiten der Demonstranten das Eingreifen durch die Polizei auch mit harten Mitteln rechtfertigen, nicht aber das friedliche Laufen und Abstellen von Kerzen! Die Aussage Dr. Thiels „Tatsächlich geht es den Akteuren um eine Delegitimation demokratischer Institutionen und um die rechtsextreme Radikalisierung und Vernetzung der Mitmarschierer“ ist eine Hetze, die alle demokratischen Werte mit Füßen tritt. Robert Glanz, Himbergen

Den Leserbrief von Herrn Thiel kann man so nicht stehen lassen – zu verzerrt scheinen mir Sicht- und Denkweise zu sein. Vorweg: Ich bin weder Querdenker noch Verschwörungsgläubiger noch Corona-Leugner und gehöre auch nicht zum Umkreis der Völkischen Siedler. Ich gehe seit etwa 40 Jahren einer geregelten Arbeit nach, zahle brav meine Steuern (...), bin im Betriebsrat und hatte noch nie ein Problem damit, auch „heiße“ Themen anzusprechen. Ich interessiere mich für politisches Geschehen (...) und war bisher der Meinung, dass ich alles in allem ein guter Demokrat sei.

Ich bin gegen jegliche Form von Gewalt (egal ob von rechts, mittig oder links), weshalb ich aktuell auch ein großes Problem mit der reißerischen Rhetorik unserer Politiker habe. Aufgrund des aufschlussreichen Leserbriefes weiß ich aber nun, dass ich in Wirklichkeit ein Feind der Demokratie und Rechtsextremist bin. Es ist so schön einfach, alle „Unbequemen“ in die rechte Ecke zu stellen – das klappt schon seit 2015 ganz gut.

Und das ist auch ganz im Sinne großer Teile der Politik, die seit Wochen ganz bewusst eine Spaltung der Bevölkerung forcieren, während sie gleichzeitig verneinen, dass eine solche Spaltung überhaupt existiert.

Zurück zur nicht harmlosen Protestveranstaltung: Ist es eigentlich nicht sehr ungewöhnlich für einen Aufmarsch von Rechtsradikalen, dass weder Transparente noch Flaggen zu sehen waren, keine Kundgebung mit bissigen Redebeiträgen? Die Stimmung war zu jedem Zeitpunkt völlig entspannt. Die Teilnehmer der Gegendemonstration mussten zu keinem Zeitpunkt vor wem auch immer geschützt werden. Die Polizisten wirkten ganz und gar nicht überfordert und mussten auch auf keine Verkehrsbehinderung reagieren, weil es diese überhaupt nicht gab. Was will der Leserbriefschreiber? Wäre es besser für die Demokratie gewesen, die Polizei hätte mit Schlagstock und Pfefferspray die „hochgefährliche“ Versammlung aufgelöst? Sind wir schon so tief gesunken? Was ist gerade in Deutschland los?

Unsere Gesellschaft ist vergiftet, die Hass-Spirale steigt auf beiden Seiten. Was genau ist so gefährlich an circa 400 Menschen, die völlig friedlich am Abend mit Lichtern in der Hand durch die Stadt spazieren und damit still und leise ihren Unmut über die Spaltung und über den Umgang mit einer großen Minderheit in unserem Land kundtun? Es sollen sogar Geimpfte unter den Spaziergängern gewesen sein. Das einzig Störende für die Innenstadtanwohner und unbeteiligte Menschen auf der Straße war wohl eher die von den Gegendemonstranten ausgehende ziemlich laute Musikbeschallung.

Für mich jedenfalls sind solche haltlosen, hasserfüllten pauschalen Diffamierungen demokratiefeindlicher als die Teilnahme an diesem Spaziergang – auch wenn sie von selbsternannten „Demokratiebewussten“ stammen. Es war noch zu keiner Zeit richtig, die Menschen in gute und schlechte einzuteilen. Es gibt über zehn Millionen ungeimpfte Erwachsene in Deutschland. Diese als „kleine, lautstarke, gewaltbereite Minderheit“ abzutun, klingt nach Verhöhnung Andersdenkender. (...) Ich kann jedem echten Demokraten nur dringend raten, die politische Entwicklung in unserem Land gut im Auge zu behalten. Die Demokratie ist immer noch ein sehr empfindliches Pflänzchen... Peter Otto, Ebstorf. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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