Terror der NSDAP in Uelzen

Zur Diskussion um Bürgermeister Farina:

Am Heiligen Abend 1943 bricht vor dem Haus Gudesstr.10 eine 35- jährige Frau mit starken Schmerzen erschöpft zusammen. Mit Handschellen gefesselt schleift sie der Polizeibeamte Röber hinter sich her. Mit einem Handwagen !!! wird die erschöpfte Frau zum Gerichtsgefängnis ( heute Neues Rathaus ) gefahren. Es handelt sich um Hermine Becker, Ehefrau des Kreisbeschautierarztes und praktischen Tierarztes Dr. Rudolf Becker, Gudesstr. 10 (heute SpaDaBank). Vor wenigen Minuten hatte sie der Polizeibeamte Prüssor im eigenen Haus die Treppe hinunter gestoßen, als sie sich weigerte, zu einer Vernehmung ins Gerichtsgefängnis zu folgen.

Man kann sich die Szene nicht dramatisch genug vorstellen: Transport einer Frau mit starken Schmerzen nach brutaler Gewaltanwendung durch die Innenstadt zum Gefängnis Weihnachten 1943!! Farina war Ortspolizeibehörde!!

Seit 1940 hat sich ein schier unglaublicher Vorgang des Rufmordes und der Gewaltanwendung an einem Mitbürger in Uelzen, an Dr. Becker und seiner Ehefrau Hermine, in Uelzen in aller Öffentlichkeit abgespielt mit dem bittren Ende von Schutzhaft, Zuchthaus und Zwangsarbeit. Zum Schicksal der Familie Dr. Becker haben alle beigetragen: Der Bürgermeister Johann Maria Farina, der Kreisleiter Alber Rodegerdts, die Ortsgruppenführer der NS Organisationen, die Polizeibeamten und auch die Juristen, unter diesen vor allem der Oberamtsricher Aloys Engelke. ( Reimer Egge, Der Weg in die Demokratie).

Der Ablauf: Am 25. Juni 1940 weigerte sich Frau Becker anlässlich des Waffenstillstands mit Frankreich das Wohnhaus Gudesstr. 10 zu beflaggen. Dies nahm der Kreisbeauftragte der NS Wohlfahrt, der Töpfer Hans Meyer, zum Anlass, Frau Becker als „ Staatsfeind, reif für das Konzentrationslager“ zu brandmarken und mit „ Wenn es im Guten nicht geht, wird Gewalt angewandt! „ zu bedrohen. Eine Racheakt für eine nicht gewährte Steuerbegünstigung für

Hausschlachtungen. Seit dieser Zeit wurde die Familie durch die NSDAP drangsaliert. Hausdurchsuchungen durch Polizei, Feuerwehr und Hitlerjungen wegen Vergehen gegen die Verdunklungsvorschriften. Verhöre in der Aktenkammer!! des Bürgermeisters durch den Stadtbürodirektor Friedrich Ahrens, auf der Polizeigeschäftsstelle durch Wachtmeister Ernst Brunzendorf. Die extrem beunruhigende Situation eskalierte in einer versuchten Forderung zur Zwangsversteigerung des elterlichen Grundstücks Gudesstr. 10. 1942 wurde auf Anstiftung der NSDAP ( Denunziation von Alfred Köhler aus Suhlendorf ) ein Verfahren vor dem Amtsgericht Uelzen gegen Hermine Becker ohne Gewährung eines Rechtsbeistands geführt. Da sie die Strafe von 50 RM , verhängt von Oberamtsrichter Engelke, verweigerte, wurde sie zu 10 Tagen Haftstrafe im Gefängnis in Hannover verurteilt.

Am 19. Januar 1944 wurde „ ein Schauspiel unserer Verhaftung in Szene gesetzt „ so wörtlich in der Aufzeichnung von Dr. Becker. Aus einem herbei zitierten Grund wurden beide gefesselt!!!! ins Gefängnis Lüneburg gebracht, Gerichtstermin erst nach achttägiger Schutzhaft. Dr. Becker wurde wegen Verstoßes gegen die Notdienstverordnung zu sechs Monaten, seine Frau zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Am 13. April ( 3 Monate vor Haft- ende) wurde dieses Strafmaß durch einen Strafantrag von Bürgermeister Johann Maria Farina um 3 Monate auf insgesamt 9 Monate erhöht. ---- Liebe Leser, Sie haben richtig gelesen: durch einen Strafantrag von BM Farina!! ---- Dr. Becker verließ die Haft als kranker Mann, seine Frau wurde zum Arbeitsdienst in der Munitionsfabrik in Dömitz verpflichtet und erkrankte anschließen mit einer schweren Gelbsuchterkrankung. Eine Beschwerdeschrift wegen der Tätlichkeiten gegen ihn und seine Frau durch die Polzisten Erich Röber , Ernst Brunzendorf, und Hauptwachmeister Fehlhaber durch seinen Anwalt in Lüneburg wurde von Bürgermeister Farina nicht beantwortet. Anfang Dezember 1944 Dienstverpflichtung von Dr. Becker zum Schlachthof in Berlin. Da er wegen Krankheit nicht reagierte, ließ ihn der Landrat Dr. Düwel polizeilich vorführen mit der Androhung der Einweisung ins KZ.

Am 3. Januar 1945 polizeiliche Vorführung der Eheleute bei Kreisleiter Heinrich Schneider.

Das Verhör blieb ohne Ergebnis. Auf der Treppe versetzte Polizeiwachmeister Friedrich Eldenburg Herrn Dr. Becker plötzlich heftige Schläge ins Gesicht mit der Behauptung von Becker tätlich angegriffen worden zu sein. Sofortige Meldung an Kreisleiter Schneider durch Polizeiwachmeister Röber. Schneider ließ beide Eheleute in Schutzhaft abführen.

Transport der Eheleute bei strengem Frost auf einem offenen!! Lastwagen in das Gefängnis am Landgericht Lüneburg. Vier Wochen später Anordnung von Untersuchungshaft wegen Wehrkraftzersetzung im Zuchthaus Celle. Am 12.April 1945 wurde Dr. Becker durch den Einmarsch der britischen Truppen im Zuchthaus Celle vor dem Hungertod bewahrt.

Nach dem Krieg geht das Drama der Familie Becker weiter.

Obwohl Familie Becker an neunter Stelle auf der Liste der Wohnungssuchenden mit besonderer Dringlichkeit platziert war, erhielt sie erst 1950 nach Beschwerde beim neuen Regierungspräsidenten Dr. Koch in Lüneburg eine Wohnung in der Karlstr. 11. Zahllose vorherige Versuche – schriftlich und mündlich - waren bei den Behörden der Stadt Uelzen gescheitert.

Eine Wiederaufnahme des nebenberuflichen Berufschulunterrichts in der städt. Berufsschule (bis 1940 über viele Jahre) wurde nicht ermöglicht. Am 07.03.1946 Mitteilung durch den Stadtbürodirektor Dr. Sievers ( wörtlich ) „ Auf ihr geflg. Schreiben vom 01.03.1946, betr. Berufsschulangelegenheiten, teile ich Ihnen mit, dass aus den Akten nicht hervorgeht, dass sie s.Zt. aus politischen Gründen aus dem nebenamtlichen Berufsschuldienst ausgeschieden sind. Dr. Sievers „

Dr. Rudolf Becker, geb. am 20.01.1889 in Uelzen, wurde seit dem 25.06.1940 durch entwürdigenden Terror in aller Öffentlichkeit drangsaliert und schon 1940 aus dem Schuldienst entfernt. Jedermann in Uelzen muss das jahrelange Drama der Beckers gekannt haben. Aber der Stadtdirektor schreibt 10 Monate nach Kriegsende: der Stadt Uelzen sind die Gründe für das Ausscheiden nicht bekannt. Das ist eine bodenlose Frechheit und zeigt, wie erschreckend wenig die Stadt Uelzen mit ihrer dunklen NaziVergangenheit konfrontiert werden wollte. Lügen, vergessen, verschweigen: Ich bin erschüttert. Mir fehlen die Worte.

In den Schuldienst kehrte Dr. Becker nie wieder zurück, seine Fleischbeschauertätigkeit mit geringen Einnahmen konnte er wieder aufnehmen, zum Aufbau einer Tierarztpraxis fehlten die Kraft und die Mittel. 1971(!) erhielt Dr. Becker eine Entschädigung von 8945,20 DM, eine lächerlich geringe Summe angesichts der erlittenen politischen Verfolgung und der zerstörten Berufsperspektiven. Seine Frau verzichtete 1957 auf eine Fortzahlung der Rente, da unsinnige medizinische Untersuchungen gefordert wurden.

Wenn irgendeine Person in Uelzen eine Ehrung für Widerstand im Nationalsozialismus verdient hat, dann ist es der Uelzener Bürger Dr. Rudolf Becker zusammen mit seiner Ehefrau Hermine. Aus religiösem Idealismus und als Freistudent (Formulierung vonDr. Becker ) haben die Eheleute als unpolitische Menschen ihrem Gewissen folgend alle niederträchtigen und entwürdigenden Maßnahmen der Nazi Diktatur ertragen. Die Nazi Diktatur hatte ihre vor Ort handelnden Figuren: Bürgermeister Farina, die NSDAP Kreisleiter A. Rodegerdts und Heinrich Schneider, Landrat Dr. Düwel, die Polizeibeamten, die Verwaltungsspitzen der Stadt und viele andere.

Mit tiefem Respekt und mit Hochachtung verneige ich mich vor dem heldenhaften Mut vor Dr. Rudolf und Hermine Becker.

PS: Stadtdirektor Dr. Sievers blieb nach der Entnazifizierung belastet, er musste nach einjähriger Tätigkeit ausscheiden. Mit der Stadt Uelzen hatte er einen Vertrag auf Lebenszeit. Die Stadt Uelzen zahlte Gehalt/Pension bis zum Lebensende.

Dieter Thiel,

Uelzen

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