„Täter-Opfer-Umkehr“

Rund um die „Vergissmeinnicht“-Steine in Ebstorf ist eine Diskussion entbrannt. Foto: Sternitzke
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Rund um die „Vergissmeinnicht“-Steine in Ebstorf ist eine Diskussion entbrannt. Foto: Sternitzke

Dieter Thiel aus Uelzen schreibt zum Bericht „Die Geschichte werden wir nicht los“ (AZ, 20. Juni 2015):.

Das klingt so glatt, wenn Herr Sternitzke titelt „Die Geschichte werden wir nicht los“. Wie wahr, aber die entscheidende Frage lautet: Wie gehen wir heute mit den grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte um? Wenn wir 2015 noch Straßennamen, Bilder im öffentlichen Raum oder Denkmäler aufrechterhalten, die Täter und ihre Gewalttaten zur Schau stellen, halten wir die Nazi-Barbarei in Ehren. Das kann doch unmöglich unsere Absicht sein. Die „Vergissmeinnicht“-Steine in Ebstorf erinnern nicht nur an verlorene Gebiete, sie sind auch ein Dokument der deutschen Schuld aus der Nazi-Barbarei. Am Ende des Krieges wurde das Volk der Täter selber zu Leidtragenden. Die Ursachen für Flucht, Vertreibung und Unrecht liegen nicht im Ende des Krieges. Sie liegen vielmehr im Beginn jener Gewaltherrschaft der Nazis, die zum Kriege führte.

Die Leiden der Flucht, überwiegend Kinder, Frauen und Alte, sind untrennbare Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungs- und Eroberungspolitik. Der Fluch der millionenfachen bösen Taten machte das Volk der Täter zu Opfern, die um den Verlust ihrer Heimat trauern. Ganz schnell vergessen werden die millionenfachen Opfer des systematischen Mordprogramms der Nazis.

Das Denkmal ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Wenn es heute den Straßennamen des nationalsozialistischen Bürgermeisters und Polizeichefs in Uelzen nicht mehr gibt, dann wird Geschichte nicht „manipuliert“ oder „rückgängig“ gemacht und auch nicht dem „Zeitgeist“ „verantwortungslos“ unterworfen. Die Straßenumbenennung wurde vollzogen aus Verantwortung und in Kenntnis der Uelzener Geschichte in der Zeit der Nazi-Barbarei.

Geschichte können wir nicht rückgängig machen, aber es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, in Verantwortung mit der Schuld der Nazi-Barbarei offen und ehrlich umzugehen.

Ehre und Respekt ist den Opfern geschuldet, aber niemals den Tätern. Verdrängung, Verleugnung und Verschweigen der Naziverbrechen gab es Jahrzehnte lang – bis heute.

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