Die Schulsituation: Flickwerk, wo man hinschaut

Zum AZ-Artikel „Eile ist geboten“ vom 14. Mai.

Danke Herr Nickel, endlich mal ein Kommunalpolitiker, der sich als Verantwortungsträger wohltuend vom Schwarm der kritiklosen Erfüllungsgehilfen einer Kultusbürokratie abhebt. Mit meinem Steuergeld hat der Landkreis ein Gutachten zur Schulentwicklung bezahlt, das jetzt nicht einmal mehr seinen Namen rechtfertigt. Im Landkreis wird in einer Art Torschlusspanik die Oberschule übers Knie gebrochen, ohne dass den Schulen entgegen früherer Zusagen Raum und Zeit gelassen wird, sich mit langfristig erarbeiteten Konzepten auf eine neue Schulform vorzubereiten. Man hat auch vergessen, dass den Schulen zugesagt wurde, nichts werde gegen deren erklärten Willen getan, weil man sich bewusst war, dass eine gute Schule nur dann organisiert werden kann, wenn man die Lehrkräfte mit im Boot hat. Gut, das Land hat als Gesetzgeber die föderale Zersplitterung unseres bundesrepublikanischen Bildungssystems mit der Schaffung der „Oberschule“ um ein weiteres Kapitel bereichert, weil es nicht wollte, dass sich die schneller zu mobilisierenden und sich besser artikulieren könnenden Eltern der gymnasialen Schülerinnen und Schüler wie in Hamburg gegen die Bildungspolitik auflehnen. Deshalb hat man einfach Haupt- und Realschule zusammengefasst, weil entgegen aller politischen Lippenbekenntnisse „die Hauptschule zu stärken“ sie sich durch Abstimmung mit den Füßen zur Restschule entwickelt hat. Der demografische Wandel hat dann sein Übriges getan und wer nach höherer Bildung strebt, der versucht es einfach – auch entgegen der Empfehlung – auf dem Gymnasium, das in seinem Bestand unangefochten bleibt. Wie gerne würden im ländlichen Raum Eltern ihren Kindern überfüllte oder nicht zeittaktgerechte und vor allem lange Schulfahrten und Wartezeiten ersparen, wenn auch in der Fläche ein breites Schulangebot vorgehalten würde. Dass sich kombinierte Systeme wie Rosche und Suderburg in die Oberschule retten, muss nicht aus Liebe oder Akzeptanz angestrebt werden, sondern kann auch einfach aus der Furcht vor der Schulauflösung geschehen. Weil die Planer in Hannover vielleicht nur städtische Räume mit einer größeren Zahl von Kindern vor Augen gehabt haben, hat man die Zügigkeit der Oberschule und die Einrichtung eines gymnasialen Zweiges von Zahlen abhängig gemacht, die im Landkreis Uelzen nicht erreichbar sind. Und genau hier setzt jetzt die Panik der lokalen Politik an, die nicht fragt, ob die Oberschule wirklich gut ist, ob sie die in sie gestellten Erwartungen erfüllen kann, ob sie nicht auch zur Restschule wird, weil sie nicht von den Eltern akzeptiert wird? Wer die eigenständigen Schulen in Bad Bodenteich und Ebstorf zwingt, in der Kürze der verbleibenden Zeit ein Konzept für eine zusammengefasste Haupt- und Realschule sowie die Einführung der Oberschule zu erarbeiten, der überfordert die Kollegien und riskiert, dass die Schulen in ihrer Struktur der Konkurrenz mit den Gymnasien nicht standhalten und wiederum wird mit den Füßen abgestimmt. Erfahrungswerte mit der Oberschule können nicht vorliegen, man stellt sie aber unter anderem Eltern von Grundschülern vor, damit die Elternschaft im Landkreis dann über die Errichtung einer IGS abstimmt, die als strukturelle Schwäche nur die Jahrgänge 5 bis 10 umfasst. Wer das Abi erwerben will, muss also ans Gymnasium wechseln und die Klasse 10 dort wiederholen oder sattelt sowieso ans Fachgymnasium um. Integrierte Systeme will man politisch in Hannover nicht, kooperative Systeme mit gymnasialem Zug verhindert man durch ein einfaches Zahlenspiel – so lässt sich in Niedersachsen die jetzige Schulsituation beschreiben. Flickwerk, wo man hinschaut, aber man gibt der Schulform Oberschule einen hochtrabenden Namen, um die Schwäche des Systems zu kaschieren.

Friedrich Kaune

Bohlsen

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