Riecht nach Ablasshandel

Leserbriefe zur AZ-Berichtertstattung rund um die Stulpe-Bildersammlung im Uelzener Rathaus:.

Solange die Bilder nicht von Stulpe selbst sind, ist das doch vollkommen egal. Was mir nur aufstößt ist, dass die AZ titelte, was viele auch meinen: mit großen Leistungen etwas wettmachen zu können. Nein, meine Damen und Herren, Kindesmisshandlung kann man durch nichts wettmachen. Leider gibt es diese Ansichten in vielen Bereichen: Bringst du große Leistung, dann kannst du dir auch mal den einen oder anderen Schnäpper leisten.

Alleine auch, wenn man immer wieder hört, Hitler tat ja nicht nur schlechtes. Bei Kindesmissbrauch oder Massenmord sind mir sämtliche Leistungen des Täters vollkommen schnuppe. Die Künstler jedoch, die jene Bilder malten, können schließlich nichts für Stulpes Taten. Deshalb finde ich diese Stimmungsmache deplaziert.

Sollten Bilder von Stulpe selbst dort hängen, dann ist es sicher richtig, wenn man es schlichtweg einen Skandal nennt.

Justus Michels,

Berlin

In unserem freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat gilt der Grundsatz der Unschuldsvermutung ohne Einschränkung – für Lebende aber auch für Tote. Das gilt zwar nicht in Moskau oder Peking, aber doch wohl in Uelzen.

Dr. Dieter Fuchs,

Uelzen

So viele Gedanken gehen mir zu dieser Ausstellung durch den Kopf. Ich wurde selbst am Freitag noch persönlich zu dieser Veranstaltung eingeladen. Ich freute mich. Am Samstag habe ich dann aber den Artikel in der AZ zu der Sammlung gelesen – und war entsetzt. Ich selbst habe Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in meiner Kindheit – die sowohl mein Leben, als auch das meiner Familie heute noch sehr belasten und beeinflussen.

Diese Erfahrung entstand unabhängig von Herrn Stulpe. Als ich jedoch den Verantwortlichen eines Tages in der AZ mit Kindern abgebildet sah, wurde mir schlecht – und meine, bis heute nicht verarbeiteten Erfahrungen waren wieder sehr schmerzhaft präsent.

Daher frage ich mich, wie mag es anderen Menschen mit eigenen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch im Allgemeinen in diesem Zusammenhang gehen? Und wie mag es im Besonderen den – vermutlich – durch Herrn Stulpe Geschädigten gehen (leider konnte das ja nie abschließend geklärt werden), wenn diese Ausstellung hier in Uelzen gezeigt wird und so viel Raum bekommt?

Kann man wirklich die Kunst von dem Spender trennen? Für mich persönlich ist das nicht möglich! Der Ekel, das Gefühl des Ausgeliefertseins, das in der Gesellschaft mit seinem Schmerz und seinen Verletzungen nicht wahrgenommen werden – diese und viele weitere Gefühle sind da.

Und dann sehe ich am Montag den Artikel in der AZ – auf dem abgebildeten Bild auf Seite 1 ist ausgerechnet als erstes Ausstellungsstück ein Akt zu sehen. Ich kann nur sagen – ich bin wütend, angeekelt und betroffen von so viel Unsensibilität.

Danke, Frau Schmidt, dass Sie noch ein paar Worte an die Menschen gerichtet haben, die sich vielleicht durch die Ausstellung dieser Sammlung verletzt fühlen. Mag sein, dass sie es nicht wollten. Ich persönlich fühle mich tief verletzt und sehr aufgewühlt.

H.Schulz*

(*ist der Redaktion bekannt)

Norman Reuter titelt, „Die Sammlung im Blick?“. Davon kann ja wohl überhaupt keine Rede sein, wenn man seinen und den Artikel seines Redaktionskollegen Kai Hasse in den beiden AZ-Ausgaben aufmerksam liest. Auffällig ist schon mal, dass kein einziges Wort sowohl über die Sujets, immerhin 333 Grafiken, als auch die Künstler, die sie schufen, gesagt wird.

Sachlich richtig ist, dass die Grafiken und Bilder als solche völlig unbelastet sind, zumal ihre geistigen Urheber beziehungswseise künstlerischen „Macher“ personell ja nicht identisch mit dem vor 10 Jahren durch „Frei“-Tod aus dem Leben geschiedenen „Sittenstrolch“ Wolfgang Stulpe sind.

Deshalb können und dürfen die Grafiken und Bilder wegen des ja wohl unzweifelhaften sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen seitens des Stifters der Bilder, Wolfgang Stulpe, nicht in Geiselhaft genommen oder geächtet und aus dem öffentlichen Verkehr herausgenommen werden.

Solche „Dinge“ muss man grundsätzlich und nicht, wie Dr. Hachmann erklärt, irgendwann voneinander trennen. Die Verletzung der Menschenwürde der Opfer des Stulpe allerdings ist zeitlos. Nur folgerichtig wäre demnach, zu analysieren und zu bewerten, wie man mit diesem Wolfgang Stulpe öffentlich umgegangen ist beziehungsweise noch heute umgeht, seit die Polizei in seinem Nachlass fündig und Stulpe darüber hinaus von drei jugendlichen Opfern wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt wurde.

Hinter dem vor 10 Jahren bekannt gewordenen Missbrauch von Schutzbefohlenen verblasst jede „großherzige Stiftung“ weit. Die „Verschwiegenheit“, in die sich Vorsitzende des Kunstvereins sowie Uelzens ehemaliger Stadtbaurat Heinrich Heeren einen der ehemals ihren bis heute einhüllen, ist nicht nur peinlich, sondern skandalös. Aussprüche wie der Satz im Katalog, „Abstand und Zeit würden objektive Betrachtung: lehren“, oder „dass kaum ein Mensch unbescholten sei“, sind keine Floskeln, sondern Ausdruck dessen, dass diese Leute absolut nichts kapiert haben, so sie die Schandtaten des Stulpe nicht sogar als lässliche Sünden herunterstufen, über die man, des großen Schatzes wegen, den die Stadt durch Stulpe habe, irgendwann auch mal hinwegsehen müsse. Das riecht sehr nach Ablasshandel.

Tendenziell in das gleiche Horn bläst Otto Lukat, wenn er von „einer tragischen Verstrickung“ und nebulös von „dunkler Seite“ des Stulpe redet und gegenrechnet, zu seinen Verdiensten gehöre neben seinem besonderen Bezug zur Kunst sein Polen-Engagement und seine Arbeit als Pädagoge. Ein Pädagoge, der seine männlichen Schüler dazu animiert, sich auszuziehen und zu masturbieren, wobei er solche Szenen filmt und fotografiert...

Das eigentliche Problem und das gleichzeitig Bedrückende ist deshalb auch, dass sowohl Damen und Herren vom Vorstand des Kunstvereins, als auch politisch Verantwortliche, insoweit die Stadt Uelzen Mitherausgeber des Kunstkatalogs ist, keine beziehungsweise eine nur gering ausgebildete Sensibilität dafür besitzen, was „sich schickt“ und was nicht.

Margit Wulf,

Suderburg

Es ist eine Schande für Uelzen, diese Sammlung zu zeigen. An jedem Bild „klebt“ der Name des Sammlers untrennbar verbunden. So schnell wie möglich: Abhängen. Und dann: Wir sind ihn (fast) los! Oder will Uelzen vielleicht auch noch eine Straße nach ihm benennen?!

H.-Dietmar Kirks,

Rosche

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