Aus Respekt vor den Opfern

Friedhelm Klinkhammer aus Bad Bevensen schreibt zum Bericht „Erinnerungen an Orte des Schreckens“ (AZ vom 28. April 2015):

Das von den Nazis konzipierte – und den politischen Eliten unterstützte – ausgefeilte Grauen in den Konzentrationslagern ist so unvorstellbar, dass es selbst für Zuhörer von Zeitzeugen und deren Authentizität schwer fällt, sprachlich für diese Dimension der deutschen Verbrechen passende Worte zu finden. Aufgrund der Schilderungen der Zeitzeugen oder der fürchterlichen Fotos in der Bergen-Belsen-Gedenkveranstaltung im Central-Theater am 19. April aus der Hölle der Menschenvernichtung schnürt es einem förmlich „Herz und Seele“ ein. Man weiß nicht recht, hilflos wie man ist, wie man damit umgehen soll.

Wohl kaum jemand heute, der unter zivilisierten Verhältnissen lebt, vermag sich die faschsitische Hölle vorzustellen. Man wird solche unmenschlichen Eindrücke in der Regel alsbald abschütteln (müssen) und in seinen vertrauten Alltag abtauchen, um von dem Geschehenen nicht erdrückt zu werden. Aber was sagt uns das alles heute?

Richtig und gut an den Veranstaltungen am 19. April und 27. April war die Vermittlung von historischen Ereignissen und der erwiesene Respekt gegenüber den Zeitzeugen. Was aber fehlte, war der Aspekt, wie die Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit nach dem Krieg umgegangen sind. Dieser Umgang zeigte jahrzehntelang weder Reue noch Einsicht.

Millionen NSDAP-Mitglieder sowie NS- und SS-Verbrecher bis hin in höchste Regierungsämter und oberste Gerichte, in Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturfunktionen durften es sich wieder gemütlich einrichten, gut versorgt von der nachfolgenden Generation, so als ob nichts geschehen wäre. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Ein demokratisch gewählter Ministerpräsident wie Herr Filbinger drückte aus, was viele dachten: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“

Terrortodesurteile wie das gegen den Pastor Bonhöfer wurden erst Ende der der 90er Jahre als rechtswidrig aufgehoben. Bis vor zwei Jahren noch weigerte sich ein Stuttgarter Staatsanwalt, gegen deutsche SS-Mörder Anklage zu erheben, obwohl diese in Italien zu lebenslänglicher Haft wegen Mordes verurteilt worden waren.

Weil dieser übliche deutsche Umgang mit der Nazi-Vergangenheit noch „taufrisch“ ist, gehört er bei allen Erinnerungsveranstaltungen nach meiner Auffassung auch erwähnt. Vor allem aus Respekt vor den Opfern.

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