Repressalien der Gegenwart

Reaktion auf den Leserbrief „Gedenkfeier stand im Mittelpunkt“ von Christa Siems über die Veranstaltung mit Nachkommen der während des Nationalsozialismus verfolgten Familie Becker aus Uelzen, AZ vom 1. Juni:.

Im Klartext lautet Christa Siems Botschaft: „Schnauze halten!“. Die Wahrheit auszusprechen soll, wenn ich es richtig verstehe, diskreditiert werden. Und die Wahrheit ist: Nicht nur Bürgermeister Lukat, sondern auch die Vizebürgermeisterin Ariane Schmäschke haben sich für das beschämende Raumvergabeverbot ausgesprochen.

Nicht zu vergessen ist, dass Lukat und Schmäschke Anträge aus Uelzens Bevölkerung, Nazistraßennamen (Farina und Seebohm) durch Namen von NS-Opfern zu ersetzen, bekanntlich strikt abgelehnt hatten. Frau Schmäschke plädierte 2010 für Namen aus Flora und Fauna. Darüber hinaus hat sie sich zu keinem Zeitpunkt und mit keinem Wort öffentlich von dem Vorhaben ihres CDU-Stadtratskollegen Peter Lücke distanziert, durch ein Bürgerbegehren den nazi-belasteten-Straßennamen Farinastraße wieder einzuführen. Darauf hinzuweisen, wird von Frau Siems als „aufgewärmte Brühe“ abgetan, eine besonders hässliche und ignorante Form der politischen Auseinandersetzung. Für mich ist klar: Eine in dieser Sache so evident opportunistisch handelnde Lokalpolitikerin, wie es Ariane Schmäschke demonstriert hat, darf bei einer derartigen Gedenkveranstaltung als Vertreterin der Stadt Uelzen keine Grußbotschaft verlesen.

Und jetzt wäscht man sich – wie Frau Siems Äußerungen belegen – die Hände auch noch in Unschuld. Im Mittelpunkt habe die Gedenkveranstaltung gestanden, heißt es in ihrem Leserbrief. Ja, was denn sonst? Selbstverständlich stand die Gedenkveranstaltung im Mittelpunkt. Das konnte und durfte, insbesondere im Interesse des Zeitzeugen August Becker, auch gar nicht anders sein. Der Sohn des Ehepaares Becker hat sehr einfühlsam und anhand mehrerer Beispiele geschildert, dass seine Eltern nicht durch die Monstrosität der NS-Barbarei, wofür stellvertretend Auschwitz steht, zu Opfern wurden, sondern dass sie unter vielen „kleinen“, „ganz gewöhnlichen“ Wesenszügen und Erscheinungen eines repressiven, obrigkeitsstaatlichen Regimes bis weit in die vordemokratische Zeit der Adenauer-Republik zu leiden hatten.

Herr Lukat und Frau Schmäschke sollten bei Gelegenkeit einmal darüber nachdenken, ob ihr Raumverbote-System und die inständige Weigerung, Straßen nach Naziopfern zu benennen, demokratischen Grundsätzen oder repressiv-obrigkeitsstaatlichen Grundsätzen ähnlich sind. Vielleicht gelingt es ihnen irgendwann, unbelastet darüber zu entscheiden, ob dem Stadtbild eine Ehepaar-Becker-Straße guttäte oder nicht. Und Frau Siems hätte dann – im Gegensatz zu jetzt – auch aus meiner Sicht, Anlass und Gelegenheit, an der richtigen Stelle Beifall zu klatschen.

Friedhelm Klinkhammer,

Bad Bevensen

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