Plädiere für Auklärung

Reaktion auf den Leserbrief von Dieter Thiel, "Auch Steine können sprechen", AZ vom 15. September:

Herr Thiel erinnert unter Bezugnahme auf den Abbruch des Kaufhauses Wilgrü, das auf dem Grundstück des vormaligen Textilhauses Simon Plaut stand, an die Geschichte der Familie Plaut:

1. Der von T. behauptete Sachverhalt, dass das Textilhaus Plaut „von den Gesellschaftern Conitzer und Fleischner geleitet wurde“, bedarf einiger Ergänzungen: Hermann Conitzer und Max Fleischner waren Eigentümer des Textilhauses S. Plautmitsamt des Grundstückes Gudesstraße/Schuhstraße

2. Frau Theresa Plaut verkaufte nach dem Tode ihres Schwiegervaters, J. Plaut (1923), und dem frühen Tod ihres Mannes Hugo Plaut (1918) das in Uelzen gut eingeführte Textilgeschäft .

3. Das Textilgeschäft „S..Plaut“, die Firma blieb bis 1935 erhalten, wurde von den Herren H. Conitzer und M. Fleischner, beide aus Berlin, Mitte der 20-iger Jahre gekauft, d.h. die in Uelzen angesehene Familie Plaut hatte rechtlichnichts mehr mit dem Textilhaus „S. Plaut“ zu tun.

4. Das Textilhaus war nun Teil des Textilhauskonzerns Conitzer, der insgesamt 22 Geschäfteumfasste, die Mehrzahl der Geschäfte befand sich inden östlichen Landesteilen Deutschlands.

5. Das Textilhauswurde im Verlauf der folgenden Jahre von einzelnen Geschäftführern geleitet, so u.a. auch von Hans Kosterlitz, der sich später mit gemischten Gefühlen an seine Uelzener Zeit erinnerte. (s. Banse:“gedemütigt-vertrieben-ermordet“ S.97)

6. Beide Eigentümer des Konzerns, Conitzer wie auch Fleischner waren Deutsche jüdischen Glaubens, das bedeutete, dass sie spätestens nach dem 1.4.1933 einem ansteigenden politischen wie auch wirtschaftlichen Druck durch die NS-Herrschaft ausgesetzt waren. Die „Weichen für einen mehr oder weniger schleichenden Boykott und einer Zurückdrängung aus dem wirtschaftlichen Leben waren gestellt“ (H. Balz).

7. In dieser Phase einer eher „schleichenden Arisierung“ schlossen Connitzer und Fleischner auf der einen und Zierath und Stahlmann auf der anderen Seite in Berlin am 27.11.1935 einen Vertrag, in dem die Verpachtung „des Geschäftshaus(es) mit Inventar zum Betrieb eines Kaufhauses“ geregelt wurde. Der Pachtzins betrug jährlich 24.000 RM und war an den Verpächter (Conitzer/Fleischner) zu entrichten.

8. Zum gleichen Zeitpunkt wurde zwischen beiden Parteien ein „Kaufvertrag das Geschäft betreffend“, dessen Einzelheiten mir (D.B.) nicht bekannt sind.

9. L.Zierath zahlte diesen Pachtzins bis zur Zerstörung des Hauses 1945 anfangs

• an die Eigentümer,

• später an einen von den Eigentümern beauftragten Verwalter und

• zuletzt, ab 1942, an das Deutsche Reich ( Oberfinanzpräsident Hannover/Finanzamt Uelzen),dasmit 11.Novelle zum Reichsbürgergesetz (25.11.1941) dieses „jüdische“ Vermögen alsverfallen betrachtete und es sich nun „einverleibte“.

10.Das Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Lüneburg ordnete am 27.6.1953 am Ende eines Rückerstattungsverfahrens an, dass das Deutsche Reich, nun vertreten durchden niedersächsischen Finanzminister/OFD Hannover der Erbengemeinschaft Conitzer wie auch Max Fleischner

a) die Grundstücke Gudesstraße 18 und 20 und Schuhstraße 2 und 4 zurückzugeben und

b) an die Antragsteller ca 29.000 RM für einbehaltenen Pachtzahlungen zu zahlen habe.

11. An den Kaufmann Ludwig Zierath sind nach 1945von der Erbengemeinschaft Conitzer wie auch von M. Fleischner keine Rückerstattungsforderungen oder Entschädigungsforderungen gestellt worden.

Fazit:

• L. Zierath nutzte die Gunst der politischen Verhältnisse, er erwarb auf eine fragwürdige Art und Weise (politische Verhältnisse!) das Textilhaus Plaut, etwas, was ihm vor 1933 so nicht möglich war.

• Die Gruppe der „Schreibtischtäter“, also Menschen in Staatsdiensten, die willig den Vorgaben nationalsozialistischer Gesetzgebung folgten wird um eine weitere Riege erweitert, nämlich die zahlreicher Finanzbeamter, die bereit waren, sich an dem legalisierten Raubzug des NS-Staates gegen unbescholtene jüdische Bürger zu beteiligen.

• Seine Werbung zur Neueröffnung „seines“ Textilhauses zeigt Zieraths antisemitische Einstellung, wenn er das Haus als nun „rein arisch“ beschreibt.

• Die Rückerstattung geraubten Eigentums an die Erben ist nur ein bescheidener Versuch, den Rechtsfrieden im Nachkriegsdeutschland wiederherzustellen, kann aber jedoch nicht die Verbrechen, die von Deutschen an ihren jüdischen „Mitbürgern“ begangen wurden, ungeschehen machen, ja vielleicht sogar „wiedergutmachen.“

• Doch zweifle ich, ob es der Einsicht in das verbrecherische System des Nationalsozialismus nicht entgegensteht, wennL.Zierath als ein Vertreter „eines rassistischen Nazi-Terrors“ bezeichnet wird, wenn nationalsozialistischer Terrormit der in der Tat einprägsamen Phrase „Würgegriff der Nazis“ beschrieben wird.

• Ich plädiere hingegen für eine an der Sache orientierten Aufklärung, die einer emotionalen Anteilnahme am Leidgedemütigter, verfolgter undermordeter Menschen nicht entgegensteht.

• Im Übrigen freut es mich sehr, dass Herr Thiel in der Beschreibung insbesondere der Familienverhältnisse der Familie Plaut umfassend auf mein Buch „gedemütigt-vertrieben-ermordet“ zurückgegriffen hat.

Dietrich Banse,

Mitglied in der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare