Leserbrief

Ein Problem der Umstände

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Für den AZ-Leser Wolfgang Brehm ist vor allem die Bezahlung die Hauptursache für die Personalsorgen in der Pflegebranche.

Zum Bericht „Pflegedienste schlagen Alarm“ (AZ vom 24. Februar) schreibt Leser Wolfgang Brehm aus Jastorf:

Pflegenotstand? In meinen Augen gibt es keinen Pflegenotstand, zumindest nicht „primär“, es ist ein Arbeitsumstände-Notstand. Warum steigen so viele Pflegekräfte, teilweise kurz nach ablegen des Examens, aus ihrem Lehrberuf aus? Ein Blick auf ihren Lohnzettel und ein weiterer Blick auf den Dienstplan geben die Antwort. „Geiz ist geil“ ist die Devise.

Man will mit möglichst wenig Personal und möglichst geringem Lohn die größtmögliche Zahl Patienten versorgen. Immer mehr Kranke werden aufgenommen, obwohl man den „Bestand“ nicht einmal mehr abdecken kann. Zumindest in der 1:1 Versorgung (Schwester oder Pfleger verrichten ihre Tätigkeiten im Haushalt der Patienten) sind Zwölf-Stunden-Schichten an der Tagesordnung – nicht selten acht oder mehr Dienste hintereinander. Überstunden sind ebenfalls kein Fremdwort. Dazu kommt, jederzeit die Bereitschaft einspringen zu können. Mit Glück hat man an einem Wochenende im Monat frei, ansonsten halt mal hier und da an einem Tag unter der Woche.

Wie kann man das Problem Arbeitsumstände-Notstand nun lösen? Nichts einfacher als das: Deutlich mehr Lohn bedeutet deutlich mehr Arbeitskräfte, denn es gibt viele Menschen, die für andere da sein wollen, aber nicht zu einem Hungerlohn. Mehr Pflegepersonal bedeutet, dass andere Schichtmodelle möglich wären. Überstunden wären die Ausnahme.

Wenn sich die Umstände verbessern, hat man dann nicht automatisch wieder mehr Personal? Grenzenloses Wachstum und Gewinnoptimierung bis auf das Zahnfleisch stehen dem entgegen, konnte man doch unlängst lesen, dass sich die Pflegedienste einig sind: „Mehr Lohn würde an der Situation nichts ändern!“ Wohl dem, der ohne Sorgen schlafen kann und nicht jeden Euro dreimal umdrehen muss. Man verzeihe meine Worte, aber warum darf es Pflegepersonal nicht gut gehen? Ja, das Wohl der Schwerstbehinderten liegt uns am Herzen, wer aber denkt an das Wohl und die Gesundheit des Pflegepersonals?

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