Militärisch-bombastisch überfrachtete Beisetzung

Leserbrief zu "Letzte Ruhe für 'sensible Seele'", AZ vom 4. Januar:

Was ist der Unterschied zwischen dem Bravo-Kanal bei YouTube, wo die Bundeswehr um Freiwillige für Adventure-Camps mit Werbeslogans wirbt wie "Action, Adrenalin, Abenteuer ! Die Herausforderung deines Lebens wartet auf dich!", auch wenn "die Bundeswehr kein Leben wie auf dem Polyhof bietet" (Verteidigungsminister Thomas de Maizière), und der makaberen, militärisch-bombastisch überfrachteten Beisetzungsfeierlichkieit für de Maizières Amtsvorgänger Peter Struck am 3. Januar in Uelzens bedeutendster Kirche?

Im Kern besteht da nicht der geringste Unterschied. Es geht um die Glorifizierung des Militärischen, insbesondere des militär-industriellen Komplexes, wobei Strucks Botschaft, dass "unsere Freiheit auch am Hindukusch verteidigt wird" zwar gedankenlos nachgeplappert, hinsichtlich ihrer Implikationen aber nicht hinterfragt wird. Die in Afganistan und in Serbien von Deutschen und ihren NATO-Verbündeten hingemetzelten Männer, Frauen und Kinder waren weder Propst Hagen noch Militärbischof i.R. Peter Krug, noch den in St. Marien redenden "hochrangigen" politischen und militärischen Gästen der Erwähnung wert. Das verpackte man lieber in eine nur so vor Anerkennung triefende Laudatio, "etwas mehr zwischenmenschliche Wärme in die Welt zu bringen und Solidarität mit denen zu üben, die sich selber nicht helfen können", habe uns die "sensible Seele" Peter Struck vorgelebt.

Das am 9. April 1945 von der SS im KZ Flossenburg ermordete NS-Opfer, Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, für so ein Militärspektakel zu instrumentalisieren, indem man dessen Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" intonieren und singen ließ, ist nachgeradezu obszön. Wir können uns lange nicht daran erinnern, dass - wie am 3. Januar 2013 - so viel Schindluder mit der Friedensbotschaft Jesu Christi in einem Gotteshaus betrieben wurde.

Von der "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel", deren Schirmherrin die ev. Theologin Margot Käßmann ist, scheinen die Pastoren von St. Marien noch nie etwas gehört zu haben, sonst hätten sie ihr Gotteshaus den Kriegshandlangern für den militärischen Staatsakt vermultich nicht zur Verfügung gestellt.

Deutschland ist weltweit drittgrößter - in Europa bedeutendster - Waffenexporteur. Vorrangig geht es um Milliardengeschäfte. Und für die gilt bekanntlich "non olet" - Geld strinkt nicht. Da Waffen, egal welche, keine Wattebäusche oder Friedenstauben sind, dienen sie - allen Humanitätslügen von wegen Friedensmissionen zum Trotz - dazu, Menschenleben auszulöschen beziehungsweise Menschen so zu verstümmeln, dass sie widerstandsunfähig werden, nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Diesem Teufelskreis gilt es ohne Wenn und Aber, ein "Sag nein" entgegenzusetzen.

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" hat uns bereits der Lyriker Paul Celan in seinem bekannten Gedicht "Todesfuge" ins Stammbuch geschrieben. Mit wohl am eindrucksvollsten hat das Bertold Brecht in seiner berühmten "Kriegsfibel" in Text und authentischen Kriegsfotographien dokumentiert.

Der großen Unwissenheit über gesellschaftliche Zusammenhänge, die der Kapitalismus sorgsam aufrecht erhält, wird in der "Kriegsfibel" mit zum Teil brutalen Bildern der Schleier von seiner den Krieg verharmlosenden menschenverachtenden Fratze gerissen. Nicht weniger aufrüttelnd-sensibel und die nach 1945 Nachgeborenen mahnend ist das weltweit berühmt gewordene Gesamtwerk von Wolfgang Borchert, und hier - Hiroshima vor Augen - insbesondere sein "Sag nein!"-Aufschrei an die Welt. Der gilt heute genau so wie der Schwur von Buchenwald: "Nie wieder Krieg!" Wer dem Leben Ehrfurcht entgegenbringt, der kann das nur immer wieder rezipieren. Sowohl in Uelzen als auch anderswo.

Christa und Jürgen Rattay,

Hamburg

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