AZ-Leserbrief

„Nicht zwingend der beste Abiturjahrgang“

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(Symbolbild)

Zum Artikel „Überragender Notenschnitt“, AZ vom 1.  Juli, schreibt dieser Leser:

Im betreffenden Artikel heißt es, der Festakt des Herzog-Ernst-Gymnasiums (HEG), mit dem die Schule ihre Abiturienten verabschiedete, habe mit einer „Überraschung“ aufgewartet: Mit einer Durchschnittsnote von 2,43 sei „der Jahrgang von 2018 noch einmal um zwei Hundertstel unterboten“ worden. Die Schulleiterin habe gesagt, es sei „der beste Abiturjahrgang seit Beginn der Aufzeichnungen“.

Leider scheint die Schulleiterin Leistung mit Leistungsbewertung zu verwechseln. Es sollte – gerade in Schulkreisen – bekannt sein, dass seit Langem eine Noteninflation in Deutschland zu beobachten ist, dass also für gleiche Leistungen der Schüler in Prüfungen über die Jahre zunehmend bessere Zensuren vergeben werden. Andere Ursachen für immer bessere Noten, wie ein sprunghafter Anstieg von Intelligenz oder Lernwille heutiger Schüler, wird realistischerweise als unwahrscheinlich angesehen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die Anforderungen heruntergeschraubt worden sind. Inzwischen liegen insbesondere für die Gymnasial- und die Hochschulabschlüsse wissenschaftlich fundierte Statistiken und Analysen vor, welche das Faktum einer Noten-inflation objektivieren.

Die offizielle Schulstatistik der „Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland“ (KMK) bestätigt den allgemeinen Trend der Noteninflation auch für die Abiturnoten. Beispielsweise vergaben die Berliner Schulen im Jahr 2016 die Bestnote 1,0 bereits 14 Mal so häufig wie zehn Jahre zuvor, und in Thüringen, das für großzügige Benotung berüchtigt ist, lag die Abiturdurchschnittsnote schon im Jahre 2015 bei 2,16. Dagegen soll Niedersachsen bei der Notenvergabe immerhin noch vergleichsweise streng sein und höhere Ansprüche stellen. Dennoch macht die Noteninflation auch vor Niedersachsen nicht halt ...

Die am häufigsten vermutete Erklärung ist: Lehrer geben ihren Schülern immer bessere Noten, um deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Ein solches Vorgehen kann nicht zum Erfolg führen, wenn es flächendeckend praktiziert wird. Ein weiterer Aspekt: Schulen versuchen, die Qualität ihrer Arbeit durch gute Noten unter Beweis zu stellen. Es bestehe demnach ein Druck auf Schulen, tendenziell immer bessere Noten zu geben, um gegenüber der Kultus- und Wissenschaftsbürokratie Erfolge vorweisen zu können.

Bei dem Abiturjahrgang 2019 des Herzog-Ernst-Gymnasiums handelt es sich also nicht zwingend um den besten, sondern um den bestbewerteten seit Beginn der Aufzeichnungen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass frühere Jahrgänge bessere Leistungen ablieferten, aber nicht so gut bewertet wurden wie heutzutage  ... Also ist das Unterbieten der Durchschnittsnote des HEG-Jahrgangs 2018 auch keine „Überraschung“, sondern eine Bestätigung des Trends.

Klaus Walte, Himbergen

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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