Vom ICH zum WIR ist nicht en vogue

Zum AZ-Artikel „Uelzen hat 12 Jahre verloren“:

Was hat Marc Rath sich bloß dabei gedacht? Was manchem Leser des Artikels sicher auffällt, ist die Tatsache, dass er – außer einen Einwurf von Ralf Munstermann, weil der sich von Citymanager Joachim Lotz in Sachen angeblicher mangelhafter Sicherheit in Uelzen auf den Schlips getreten fühlte - nicht eine einzige Stimme der Besucher der SPD-Veranstaltung vom 20. 5. zu Wort kommen lässt. Zitieren tut Rath lediglich den Moderator Reiner Teske und die sechs Referenten. Da gewinnt der Leser - so er es aufgrund seiner Teilnahme nicht besser wüsste - glatt den Eindruck, die rund zwei Dutzend Gäste der Veranstaltung seien alles maulfaule Statisten gewesen, lediglich an ihren Getränken nippend, Taubstumme gar, oder sie hätten dort im Saal in Hufeisenformation nur zu bloßen DekoZwecken rumgesessen. Dass seitens mehrerer Gäste mit den Referenten nicht nur zum Teil sehr lebendig, sondern durchaus auch kontrovers diskutiert wurde, erfährt kein AZ-Leser aus dem Schrieb. Schlecht gebrüllt Löwe, weil handwerklich insoweit voll daneben, benotet derjenige, der's anders miterlebt hat, deshalb diesen Artikel.

Aber lassen wir das mal so steh'n, und kommen wir zu Wichtigerem. Den Dezernenten bzw. zumindest einigen der politisch Verantwortlichen der Stadt, kann man mit Fug und Recht zugute halten, dass sie sich in Sachen Marktstraßenumbau und lebendige (Innen-)Stadtentwicklung seit längerem um breite Bürgerbeteiligung und Information einschließlich Integration von Handel und Gewerbe in den Findungsprozeß, was nicht nur ein Wir-Gefühl befördern könnte, sondern was die Lebens-, Verkehrs- und Wohnqualität verbessern sowie Dienstleistung, Handel und Gewerbe prosperieren lassen könnte, bemühen, allerdings minimalistisch angesichts der immensen Stadtverschuldung. Die Bäume können also nicht in den Himmel wachsen. Mehrere öffentliche Veranstaltungen gab's dazu bereits. Gelernt aus der schlechten Vergangenheit hat man inzwischen insoweit auch. Sieben Marktstraßenvarianten wurden den Bürgern über Wochen hinweg nicht nur im Foyer des Rathauses, sondern auch andernorts kartographisch und sie textlich kommentierend vorgestellt, und jeder, der wollte, konnte sie mündlich oder schriftlich kommentieren. Dass solche Mitgestaltungsangebote nur relativ spärlich angenommen werden, hat sicher damit was zu tun, dass sich die meisten Menschen in der herrschenden Gesellschaft lieber in ihren vier Wänden hinter dem Fernseher oder sonstwo verkriechen. Vom ICH zum WIR ist leider nicht sonderlich en vogue.

Ein erhebliches Manko der Veranstaltung war, dass zwischen den sechs Referenten ganz offensichtlich vorab keine Grobabstimmung stattgefunden hatte, wer wie was zum Thema spricht. Jeder spulte „sein Ding“ ab. Und, egal wer interdisziplinär angegangen werden können, wird noch immer nicht begriffen. Jede Menge Gutachten gäbe es, erklärte Joachim Lotz. Allerdings würden sie nicht abgearbeitet und in Schubladen verstauben. Es fehle ein Entwicklungskonzept aus einem Guss, räsonierte Markus Schümann für die WFG, und fügte sogleich noch hinzu, Uelzen müsse sich verstärkt an-den wirtschaftlich prosperierenden Stadtstaat Hamburg anbinden. Als einziges Beispiel dafür nannte er jedoch lediglich eine erstrebenswerte HVV-Anbindung. Das ist denn doch wohl arg dürftig. Weder erwähnte und thematisierte er die erforderliche Ertüchtigung des ESK, noch die COPLAS-Studie in Sachen Logistikansiedlung, sowie die Fragwürdigkeit der Ausweisung weiterer Gewerbeflächen, weil dafür inzwischen wegen des drastisch zurückgegangenen Containerumschlags gar kein Bedarf mehr existiert, was wiederum Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat. Dass die Herren Uwe Schwenke und Optiker Lassen vehement gegen weitere Fußgängerzonen in Uelzen trommelten, sei nur noch am Rande erwähnt. Ein Gesamtkonzept für Uelzen müsse her, erklärte Schwenke. Dass so was die Position des Alles oder Nichts ist, die weder realistisch noch zielführend ist, kann nur als Obstruktion bezeichnet werden.

Borvin Wulf, Suderburg

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