Nicht nur Nachtseiten sehen

Inge Schulze schreibt, dass nicht nur die Schattenseiten von Wolfgang Stulpe betrachtet werden sollten:

„Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch“ – dieses Resümee zieht der Chor am Schluss von Sophokles‘ Tragödie „Antigone“ und verweist auf seine Groß- sowie auf seine Schandtaten. Ungeheuer also im positiven wie im negativen Sinn, bewunderns- und verachtenswert. Der Mensch, nicht nur als Gattung, sondern auch als Individuum, ist ein vielschichtiges, vielfältiges Wesen, niemals nur edel, aufrichtig, mutig, treu, kurz: moralisch einwandfrei, sondern zumeist auch feige, gierig, verlogen, böswillig. Niemand kann von sich behaupten, dass er keine der negativen Eigenschaften besäße. Ist er deshalb schon ein verachtenswürdiger Mensch? Und kann nicht auch ein Mensch, der zu Recht wegen seiner Untaten verurteilt wird, Gutes vollbracht und hinterlassen haben? Dabei mindert das eine nicht das andere. Im Gegenteil: Alle Seiten einer facettenreichen Persönlichkeit sind wahrzunehmen und zu würdigen. Nur so wird man der Wahrheit gerecht. Wenn nun von einigen Seiten, unter anderem in einem Kommentar von Diane Baatani, gefordert wird, die Grafiken der „Sammlung Stulpe“ abzuhängen, womöglich (wie von anderen vorgeschlagen)zu verkaufen und den Erlös zu spenden, dann scheinen mir die Maßstäbe zu verrutschen. Die ausgestellten Grafiken und ihre Künstler stehen in keinem ursächlichen Zusammenhang mit den mutmaßlichen Verfehlungen von Wolfgang Stulpe. Wer einen solchen Zusammenhang zwischen Sammler und Exponaten herstellt, dürfte heute wohl kaum ein Museum besuchen, schließlich sind viele hoch geschätzte Sammlungen auf zweifelhafte Weise und von moralisch angreifbaren Personen zusammengetragen worden. Und wäre „abhängen“ nicht auch eine Form des Verschweigens? Mit dem, was nicht (mehr) da ist, braucht man sich ja auch nicht mehr auseinander zu setzen. In diesem Fall mit der durchaus verdienstvollen ehrenamtlichen Tätigkeit Stulpes für den Kunstverein. Die wird schließlich nicht herabgewürdigt durch die schweren, gegen ihn erhobenen Vorwürfe, wie diese nicht verringert werden durch seine Verdienste. Es gilt, sich mit der Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit, mit ihren Tag- und Nacht-seiten auseinander zu setzen.Wer das nicht kann oder will, hat eine einseitige, im wahrsten Sinn des Wortes „einfältige“ Sicht auf den Menschen.

Inge Schulze, Uelzen

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