Ich bin nicht Charlie!

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Gestern erschien die erste Ausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ nach dem Terrorangriff auf die Redaktion. AZ-Leser weisen auf die Grenzen der Pressefreiheit hin.

Die Berichterstattung über den Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ (AZ vom 8. Januar und folgende) beschäftigt auch die AZ-Leser. Wolfgang Schneider aus Holdenstedt betont die Grenzen satirischer Darstellungen:

Dieser Tage hatte ich ein sehr anregendes Gespräch mit einem selbstbewussten jungen Deutschen muslimischen Glaubens und türkischer Abstammung. Wir kamen unter anderem auch zu sprechen auf die schrecklichen Anschläge in Paris und deren „Anlass“. In diesem Zusammenhang sagte er, dass er durchaus mit sachlicher Kritik am Islam umgehen kann beziehungsweise dass er sehr wohl (niveauvolle) Satire in Wort und Bild schätze. Sehr nachdenkenswert fand ich folgende Äußerungen von ihm.

Satiriker in den Medien leben vom Erlös ihrer Arbeit. Sie wollen unterhalten, nachdenklich stimmen, den Menschen ironisch den Spiegel vorhalten. Dabei sollte ihnen klar sein, dass sie für ihre Inhalte auch verantwortlich sind, und dass sie – bewusst oder nicht – eine Wirkung beim Betrachter beziehungsweise Zuhörer hervorrufen. Als muslimisch geprägter (und keinesfalls fanatischer) Bürger fragt er sich, warum Charlie Hebdo (und andere) zum Teil sehr drastische Mohammed-Karikaturen druckt, die unzweifelhaft Angehörige des Islams beleidigen können. Im Licht der angesprochenen Verantwortung muss ihnen dies aber klar sein.

Ein weiterer Aspekt ist seiner Meinung nach, dass derartige Verunglimpfungen von denselben Leuten stets so lautstark propagierte Appelle für Toleranz und Integration überhaupt nicht glaubwürdig erscheinen lassen, mehr noch, dass dies die Mehrzahl der an einem einvernehmlichen Zusammenleben Interessierten verunsichert oder gar unnötig vor den Kopf stößt.

Ich gebe zu, dass ich diese Sachlichkeit und Inhaltsschwere nicht erwartet habe. Ich nahm dies zum Anlass, im Internet ein paar Jahre „zurückzugehen“, als es 2005 anfing mit dieser Art der politischen Satire (Zeitschrift Jylland-Posten in Dänemark). Und siehe da, damals gab es quer durch alle Kommentatoren überwiegend negative Kritik und begründete Ablehnung. Auf der anderen Seite ergoss sich die „rechtspopulistische“ Szene in Spott und Häme.

Doch der Schaden ist größer. Hasspredigern und Fanatikern werden so wertvolle Argumente geliefert für ihr unsägliches Tun. Wenn wir auf der einen Seite islamfeindliche Äußerungen und Rassismus missbilligen sowie dem Recht auf Meinungsfreiheit Limits setzen im Falle von Beleidigungen und übler Nachrede, dann erscheint es mehr als fragwürdig, wenn wir unter dem Deckmantel der Pressefreiheit begangene Entgleisungen gutheißen.

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