Leserbrief: „Entfremdung des Menschen“

AZ-Leser Prof. Dr. Thomas Vogel regt dazu an, nicht immer gleich alles „Alte“ wegzuwerfen. Dies bezieht er auch auf den geplanten Abriss des alten Schulgebäudes in Suderburg (Foto).
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AZ-Leser Prof. Dr. Thomas Vogel regt dazu an, nicht immer gleich alles „Alte“ wegzuwerfen. Dies bezieht er auch auf den geplanten Abriss des alten Schulgebäudes in Suderburg (Foto).

Zum AZ-Artikel „Altes Schulgebäude wird abgerissen, erschienen am 24. Oktober, erreichte die Redaktion diese Zuschrift:

Immer wieder streiten Politiker darüber, ob man alte Gebäude saniert und umnutzt oder sie abreißt und Neubauten errichtet. Meistens, wie ... auch in Suderburg, entscheidet man sich für den Neubau. Die Diskussionen und die Entscheidung des dortigen Rates, die alte Schule abzureißen, sind exemplarisch für den Umgang mit den Dingen in unserer Kultur. Seit dem Beginn der Industrialisierung hat sich der ... Umgang mit den Dingen grundlegend gewandelt. Früher hegte und pflegte man allen Besitz und benutzte ihn solange nur irgend möglich. Die Dinge wurden erworben, um sie zu behalten. Das Motto lautete früher „Alt ist schön!“.

Die heutige Devise im Umgang mit den Dingen lautet „Erwerben – ... besitzen und benutzen – wegwerfen/entsorgen und aufs Neue erwerben“. Der durch Marketing beeinflusste Mensch folgt in heutiger Zeit der Devise, neu sei schön. Mit Gebäuden gehen wir mittlerweile kaum noch anders um als mit anderen Konsumgütern... Die Wegwerfgesellschaft hat das kurzfristige Nutzen und schnelle Wegwerfen zur Routine für den Umgang mit den Dingen gemacht. Immer rascher trennt man sich vom Alten und entscheidet sich für das Neue. In immer kürzeren Zyklen wechseln die Modellreihen bei Autos, Smartphones oder Textilien... Man wechselt die Modelle, weil sich eine Reparatur des Alten angeblich nicht mehr lohnt oder nicht mehr möglich ist und das Neue den Ansprüchen vermeintlich besser gerecht wird.

Auch die Halbwertszeit von Gebäuden sinkt ständig. Immer schneller werden alte Gebäude entsorgt. Selten wird bei der ökonomischen Argumentation, die für einen Neubau ins Feld geführt wird, berücksichtigt, dass die neuen Gebäude, deren Ästhetik oft eine Zumutung ist, kaum noch eine Generation halten und man dann wieder neu bauen muss. Der Umgang mit unserer gebauten Umwelt ist sozial und ökologisch eine Katastrophe. Kaum jemand weiß, dass die Zementherstellung jährlich acht Milliarden Tonnen CO2 erzeugt und damit viermal so viel zum Klimawandel beiträgt wie der weltweite Flugverkehr. Zusätzlich führt die beschleunigte Abriss- und Neubaukultur zur Entfremdung und Entwurzelung der Menschen. Man vernachlässigt im Entscheidungsprozess die Erkenntnis, dass alte Gebäudestrukturen einen wichtigen Einfluss auf die Herausbildung einer individuellen Identität des Menschen haben. In den alten Gebäuden haben Menschen gelebt, gearbeitet oder gelernt, und sie sind Teil ihrer alltäglichen Lebenserfahrung gewesen. Wenn wir sie abreißen und neue Gebäudestrukturen schaffen, verlieren die Menschen ihre vertraute Umgebung und können zu ihrem Lebensraum keine Bindung mehr aufbauen; denn nur die Beständigkeit der Dingwelt eröffnet dem Menschen ein Gefühl von Heimat... Die Beschleunigung und Entfremdung macht unsere Dörfer und Städte unwirtlich und treibt die Menschen in die Heimatlosigkeit, macht sie gar krank. Prof. Dr. Thomas Vogel, Natendorf

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