„Bisher keinen Arzt gefunden“

Leserbrief zur Verschreibung von Cannabinoiden: AZ-Leser berichtet von vergeblichem Versuch

AZ-Leser Martin Feck berichtet von seinem bislang vergeblichen Versuch, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die ihm Cannabinoide verschreiben.
+
AZ-Leser Martin Feck berichtet von seinem bislang vergeblichen Versuch, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die ihm Cannabinoide verschreiben.

Zum Vorstoß der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), Cannabis-Besitz bis zu sechs Gramm künftig nur als Ordnungswidrigkeit zu verfolgen, schreibt dieser Leser:

Bezüglich der Einnahme der illegalen Substanzen aus der Gruppe der Cannabinoiden ist zu konstatieren, dass bis heute kein bestätigter Todesfall durch Cannabis-Konsum belegt ist. Ob Cannabis potenziell tödlich sein kann, ist bisher nur an Tierversuchen in den 1970er Jahren getestet worden. Dabei wurden Hunden und Affen oral Dosen verabreicht, die über 3 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht THC beinhalteten. Aber selbst diese hohen Dosen töteten die Tiere meist nicht. Zum Vergleich: Für diese Dosis müsste ein 60 Kilogramm schwerer Erwachsener 180 Gramm reines THC essen.

Rein anatomisch ist es unwahrscheinlich, an Cannabis zu sterben. Denn im Hirnstamm gibt es nur wenige Cannabis-Rezeptoren, die unsere Grundfunktionen stören könnten. Der Hirnstamm reguliert zentrale Körperfunktionen wie Blutdruck, Herzfrequenz oder die Atmung. Betrachten wir hingegen die legale „Droge“ Alkohol: Eine Alkoholvergiftung kann den Hirnstamm so stark beeinträchtigen, dass die Atmung aussetzt. Bei Erwachsenen liegt die tödliche Dosis bei 2 bis 3,5 Gramm Alkohol pro Gramm Körpergewicht. Bei Kindern ist diese Dosis niedriger: Schon 1 Gramm pro Kilogramm ist tödlich.

Im Gegensatz zu Cannabis ist Alkohol durchaus direkt mit Todesfällen in Verbindung zu bringen: 2014 starben in Deutschland 14 095 volljährige Menschen direkt an Alkoholerkrankungen. Jeden Tag sterben in Deutschland Schätzungen zufolge 202 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums – meist in Kombination mit dem Rauchen. Das alleine ergibt fast 74 000 Todesfälle pro Jahr. Nicht in dieser Schätzung inbegriffen sind Unfälle, die durch übermäßigen Alkoholkonsum passieren.

Betrachten wir hingegen die legale „Droge“ Nikotin. 121 000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. An jedem Tag sind das über 300 Menschen – so viele, wie in ein großes Flugzeug passen. Eine Tragödie scheint das für die Öffentlichkeit jedoch nicht zu sein. (...)

Der Vorschlag, den Besitz von Cannabinoiden bis zu einer Menge von sechs Gramm als Ordnungswidrigkeit zu werten, läuft ins Leere. Die Geschichte zeigt, dass Prohibition seltenst bis nie zu wünschenswerten Ergebnissen geführt hat. Eine bessere Ausbildung der Mediziner, bereits schon im Studium, sowie eine generelle „Entbürokratisierung“ der Verordnungen durch einen Arzt sind eher zielführend. Ich schreibe dies als betroffener Patient, der bisher keinen Arzt gefunden hat, der diesen bürokratischen Unsinn mittragen möchte. Oder er/sie ist völlig uninformiert. Es ist leichter, sich Opioide verschreiben zu lassen als harmlose Cannabinoide.

Vorsprache in der Praxis meiner ehemaligen Schmerzärztin in Uelzen, Grund: Bitte um eine Verordnung von CBD-Öl. Die Vorzimmerdamen ließen mich nicht zur Ärztin vor: „Wir verschreiben kein Cannabis!“ Martin Feck, Wrestedt. Leserbriefe geben die Meinung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare