Leserbrief: „Verquerer geht es nicht“

Für AZ-Leser Hans-Peter Hellmanzik stellen die Demonstranten ihre persönliche Freiheit über Leben und Gesundheit anderer. „Wirr“ würden sie „Corona-Diktatur“ skandieren.
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Für AZ-Leser Hans-Peter Hellmanzik stellen die Demonstranten ihre persönliche Freiheit über Leben und Gesundheit anderer. „Wirr“ würden sie „Corona-Diktatur“ skandieren.

Die Proteste von Gegnern der Corona-Einschränkungen unter anderem in Uelzen (AZ vom 12. November) und Leserbriefe dazu beschäftigen diesen Leser:

Sie gehen auf die Straße, Stuttgart, Berlin, Leipzig, sogar Uelzen. Sie skandieren wirr: „Corona-Diktatur“. Sie protestieren gegen den Mund-Nasen-Schutz als „Gehorsamkeitszeichen“. Unter ihnen sind Rechtsextreme und Reichsbürger, Antisemiten und Verschwörungsmystiker von QAnon. Ein seltsames sektiererisches Konglomerat an Abstrusitäten und Irrationalitäten.

Aber es wäre zu kurz gesprungen, es dabei bewenden zu lassen. Die Irrationalität dieser „Querlinge“ ist noch von ganz anderer Art. Manche Äußerungen (...) zwingen nachgerade zu dem Schluss, dass da ein parteiübergreifendes Aufbegehren als „Bürgerrechtsbewegung“ geprobt wird. Schauen wir genauer hin. Hören wir genauer zu. Was sagen sie? Sie begehren auf gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen im Namen ihrer persönlichen Freiheit, die sie durch diese Maßnahmen eingeschränkt sehen.

Bis hierhin könnte ich ja kritisch mitgehen. Denn wenn in einer Demokratie der Staat weitreichende Einschränkungen anordnet, dann ist dies allemal diskussionswürdig. Siehe die Bundestagsdebatte. Keine Frage. Diskussionswürdig aber heißt, das staatliche Handeln zu befragen in Kategorien von zulässig – nichtzulässig, sinnvoll – sinnlos, effizient – nichteffizient, Schutz – Nichtschutz. Es geht um den Sachgrund.

Die Rädelsführer hinter den sogenannten Hygiene-Demonstranten stellen nicht die Rationalität oder Irrationalität des staatlichen Vorgehens infrage. Ihre verquere Logik ist anders: Es ist nicht so, dass sie die Realität des Virus und deshalb die Maßnahmen des Staates ablehnen. Es ist vielmehr genau anders herum: Weil sie die Eingriffe des Staates nicht akzeptieren, akzeptieren sie auch nicht die Realität des Virus, seine Bedrohung und die daraus abgeleitete weltweite Krisenlage.

Und genau in dieser Ablehnung reproduzieren sie überholt geglaubte Konzepte, wonach der Staat lediglich die Rahmenbedingungen zu garantieren habe. Ansonsten habe er sich rauszuhalten. Gegen die „Zumutungen“ eines eingreifenden, regulierenden Staates begehren sie also im Namen ihrer persönlichen Freiheit auf.

Verquerer geht es nicht mehr. Diese Demonstranten lechzen nach ihrer persönlichen Freiheit und sei es um den Preis ihrer Gesundheit und ihres Lebens oder das ihrer Mitmenschen ...

Die faktenresisten Hardcore-Verschwörungsgläubigen unter ihnen erzeugen darüber hinaus noch einen Bonus, indem sie die Adressaten ihrer Empörung personalisieren. Genauer gesagt: Sie erzeugen, benennen, beschwören Bill Gates, George Soros, Rothschild, Drosten, Merkel (...). Egal. Hauptsache sie sind plakativ in Sträflingskleidung gezwängt. Irgendwer muss ja verantwortlich sein.

Alle. Mitsamt „ihrem“ Virus. Irrläufer der Geschichte auf Beschwörungsveranstaltungen, die sich per mitgeführten Plakaten wie Voodoo-Zeremonien gebärden, die all das bannen sollen, was die eigene Befindlichkeit, was die persönliche Freiheit stört. Während wir darum bangen, ob angesichts der hohen Fallzahlen die Kapazitäten der Krankenhäuser ausreichen, sind wir zugleich Zeugen eines Massentests, wie weit man mit dem Protestieren noch gehen kann. Ich muss wohl nicht daran erinnern, dass dieses Experiment in unserer jüngeren Geschichte grandios gescheitert ist. Hans-Peter Hellmanzik, Bad Bevensen

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