Zur Ehrung von Wolfgang Hahnemann

Leserbrief: „Ruf nach mehr Respekt“

AZ-Leser Andreas Holst empfand die Ehrung von Stefan Kleuker (links) für Wolfgang Hahnemann nicht als Brandrede oder Generalabrechnung.
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AZ-Leser Andreas Holst empfand die Ehrung von Stefan Kleuker (links) für Wolfgang Hahnemann nicht als Brandrede oder Generalabrechnung.

Auf die Berichterstattung „Bürgermeister sorgt für Eklat im Gerdauer Rat“ (AZ vom 31. Dezember) reagiert dieser Leser:

Am 8. Dezember nahm ich als Zuhörer an der Sitzung des Gemeinderates Gerdau teil. Wolfgang Hahnemann sollte für seine 49-jährige Ratsarbeit geehrt werden. Die Ehrung als Brandrede oder Generalabrechnung gegen Herrn Hahnemann zu verstehen, wundert mich doch sehr.

Bürgermeister Stefan Kleuker hatte vor der Ehrung Herrn Hahnemann gefragt, ob er zu den Diktatur-Vorwürfen nach der letzten Ratssitzung noch etwas sagen möchte. Herr Hahnemann verneinte das. Herr Kleuker äußerte seine Enttäuschung darüber. Nach 49 Jahren im Rat hatte er erwartet, dass Herr Hahnemann die Aussage in der Presse über den Gerdauer Rat richtig stellen würde. Die Mitglieder der CDU-Fraktion hätten über ein Fernbleiben bei der Ehrung diskutiert, aber sich entschlossen, dieses nicht zu tun. Danach ehrte Bürgermeister Kleuker Herrn Hahnemann (Herr Kleuker hatte seine Anmerkungen frei vorgetragen).

Dass sich jetzt Herr Hahnemann „wie vor einem Standgericht abgeurteilt“ fühlt, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und ich finde diese Aussage doch sehr befremdlich. Laut Wikipedia ist ein Standgericht „ein Ausnahmegericht bei Unterdrückung von Aufständen und inneren Unruhen. Die Urteile kann der in einem Ort oder Lager anwesende oberste Befehlshaber sofort bestätigen und vollziehen lassen. Das Standrecht proklamieren heißt, der Einwohnerschaft und den Soldaten kundgeben, dass solche Ausnahmegerichte eingesetzt sind. Die Gerichtsbarkeit bezieht sich auf alle, also Militärs und Zivilisten. Die Rechtmäßigkeit von Standgerichtsurteilen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der Endphase des Zweiten Weltkrieges ergingen, war in Deutschland bis zum ersten Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege von 1998 umstritten. In Deutschland sind Ausnahmegerichte – also auch Standgerichte – seit 1949 verfassungswidrig.“

Wie kann man eine Bitte um eine Richtigstellung eines Diktaturvorwurfes an Teilen vom Gerdauer Rat mit einem Standgericht gleichsetzen? Nach der Ehrung hielt Herr Hahnemann eine circa zwei DIN-A4-Seiten lange, vorbereitete Rede über seine 49- jährige Ratsarbeit. Herr Hahnemann machte auf mich überhaupt keinen Eindruck eines „Abgeurteilten“, denn in der Sitzungspause fragte er mich, ob ich von der Presse sei. Er wolle mir seine Rede zum Abdruck in der Zeitung geben. Für mich stellt sich diese ganze Aktion als reiner Wahlkampf dar.

Meine Bitte an den gesamten Rat: Die Wahlen sind vorbei. Kümmern Sie sich jetzt um die Belange der Bürger in der Gemeinde Gerdau und hören Sie mit solchen gegenseitigen Unterstellungen auf. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber man sollte sich mit gegenseitigem Respekt begegnen. Andreas Holst, Bohlsen

Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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