Leserbrief: Rückwärtsgewandtes Schulsystem

Das dreigliedrige Schulsystem reflektiert für Renate Meyer-Wandtke die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. 
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Das dreigliedrige Schulsystem reflektiert für Renate Meyer-Wandtke die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. 

Zum Bildungspakt von CDU und UWG und zum Leserbrief von Alexander Thieme schreibt diese Leserin:

Wussten Sie, dass die beliebteste Schulform Deutschlands eine IGS ist? Es ist die Grundschule. Alle zusammen, denn auf den Anfang kommt es an. Kurze Beine, kurze Wege. So ist es. (...) Und mit der Sekundarstufe beginnt das Dilemma.

Das dreigliedrige Schulsystem, mit dem wir weltweit nahezu allein stehen, reflektiert die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und ist rückwärtsgewandt. Am Ende der Grundschulzeit werden die zehnjährigen Kinder voneinander getrennt und sortiert. Aber wie? Nach Leistung? Nun ja, auch. Aber die Forschung beobachtet einen klaren Einfluss der sozialen Herkunft eines Kindes auf die Empfehlungen – sogar ungeachtet der tatsächlichen Schulleistung. Ein Kind, dessen Vater keinen Schulabschluss hat, muss erheblich besser sein als die anderen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Es muss ein genauso hohes Leistungsniveau aufweisen wie ein Schüler, der eine Klasse überspringen darf. Hat der Vater Abitur, genügt schon eine Leistung unter dem Durchschnitt (siehe IGLU und LAU 5-Studien).

Was tun wir den Kindern an, wenn wir sie unverschuldet ihre familiäre Herkunft als Manko und Hindernis spüren lassen. Ob das mit christlichen Werten vereinbar ist, müsste die CDU beantworten; sie trägt den Begriff ja in ihrem Namen.

Hans-Werner Sinn, langjähriger Präsident des Ifo-Instituts, und ganz gewiss nicht „sozialromantisch“ (O-Ton Thieme): „Weil wir durch unser Schulsystem die Chancengleichheit mit den Füßen treten, brauchen wir einen exzessiven Sozialstaat, um das Mindestmaß an Gleichheit wenigstens im Nachhinein zu sichern… Wie viel besser wäre es doch, verringerten wir die Ungleichheit im vornherein bei der Ausbildung unserer Schüler.“

Ja, aber unser Schulsystem ist doch durchlässig (...) Schön wär’s! Diese sogenannte Durchlässigkeit funktioniert nämlich in der Mehrheit der Fälle nur in eine Richtung, nämlich nach unten, das heißt vom Gymnasium in die Realschule und so weiter. Man nennt das dann Abschulung. Oder man lässt sitzen bleiben. Laut PISA hat das zwar keinen positiven Effekt, kostet aber rund 850 Millionen Euro jährlich. Aber für unsere Sitzenbleiber ist uns ja nichts zu teuer.

Und wenn Herr Thieme unter anderem beklagt, dass „auch mathematische Grundlagen wie Dreisatz fehlen“, (...) dann kann es ja mit unserem bestehenden Schulsystem nicht allzu weit her sein.

Wovor haben CDU, UWG und Herr Thieme Angst? Befürchten sie, dass den Gymnasien die Schüler und Schülerinnen ausgehen? Da kann ich nur mit Herrn Thieme (erster Satz im Leserbrief) sagen: „Wir alle stehen im Wettbewerb.“ Alle? Alle! Auch die Gymnasien. Auch sie müssen sich der Konkurrenz stellen. Und nebenbei: Auch an der IGS unterrichten Gymnasiallehrkräfte. Wer weiß, vielleicht finden sie die Arbeit an einer IGS ja so befriedigend, dass sie dafür plädieren, eines der Uelzener Gymnasien in eine IGS umzuwandeln. Man wird ja mal träumen dürfen. (...) Renate Meyer-Wandtke, Uelzen

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