Kindern gerecht werden

Leserbrief zu „Fremde Eimer füllen“,  AZ vom 7. Dezember:

Um es vorwegzunehmen: Ich habe Herrn Bischoff nicht live erlebt, möchte aber trotzdem ein paar Gedanken zu dem äußern, was ich der Zeitung entnehmen konnte. Da müssen doch den LehrerInnen und Eltern die Ohren geklungen haben – so einfach ist es also: 10 Minuten Disziplin am Tag, Konzentration auf das Wesentliche (Blickkontakt? -und dann?!) und eimerweise positives Feed-back. Also: Liebe LehrerInnen und Eltern, die Ihr Euch jeden Tag aufs Neue müht, den Kindern gerecht zu werden, sie zu fordern, zu motivieren und wertzuschätzen – Ihr macht wohl etwas falsch! Wer wie Eltern und LehrerInnen jeden Tag in den „Niederungen“ des pädagogischen Alltags unterwegs ist, weiß, dass es die Beziehungen sind, die Entwicklung unterstützen, dass Appelle fast nichts bewirken, dass Forderungen nach Konzentration und Disziplin verhallen und dass es ein lang-andauernder Prozess ist, bis Kinder / Jugendliche im Zuge von persönlicher Reifung zu der Einsicht gelangen, dass sich Konzentration und Disziplin lohnen.

Übrigens kennen wir uns alle gut aus, wenn es um die Frage der Wirksamkeit von Appellen geht: wir alle haben eigene Verhaltensweisen, die wir gerne ändern würden / von denen wir wissen, dass sie uns schaden – tausend Mal haben wir schon an uns selbst appelliert, weniger zu essen, zu trinken, zu rauchen, früher ins Bett zu gehen, mehr Sport zu treiben usw. – und genauso oft machen wir die Erfahrung, dass es weit mehr braucht als Appelle an die Disziplin, um Verhalten dauerhaft zu verändern. Sicherlich muss man über Wege nachdenken, wie die Kinder und Jugendlichen von heute so angesprochen werden können, dass man sie erreicht und sie dabei unterstützt, ihren eigenen Weg in die Erwachsenenwelt zu finden.

Das ist harte Arbeit und bringt so manchen Lehrer / manches Elternteil um den Schlaf. Dass dabei ein cooles Stirnband und ein roter Eimer nachhaltig wirksam sein sollen, kann ich mir schlecht vorstellen. Und ich frage mich auch, wie es wohl auf die SchülerInnen gewirkt haben muss, die diszipliniert und konzentriert in ihrer Schularbeit sind und dennoch nur zu höchstens durchschnittlichen Ergebnissen kommen … So kommt mir der Auftritt eines „Motivationstrainers“ vor wie ein Schlag ins Gesicht derer, die täglich damit beschäftigt sind, das Gute zu bewirken und zu leisten und dabei so oft Stillstand, bzw. Rückschläge hinnehmen müssen. Auf schwierige Fragen des Lebens gibt es nun mal keine einfachen Antworten, auch wenn die Sehnsucht danach groß ist.

Martina Overweg,

Diplom-Psychologin aus Uelzen

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