Kritik am Entwurf des niedersächsischen Sozialministeriums für eine neue Förderrichtlinie für Frauenhäuser

Leserbrief: „Ich schäme mich“

Nach einem Entwurf des Sozialministeriums sollen hilfesuchende Frauen das Frauenhaus möglichst nach drei Monaten wieder verlassen. Das sorgt für Kritik.
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Nach einem Entwurf des Sozialministeriums sollen hilfesuchende Frauen das Frauenhaus möglichst nach drei Monaten wieder verlassen. Das sorgt für Kritik.

Diese Leserin bezieht sich auf den AZ-Artikel „Weit von der Realität entfernt“ vom 18. August und kritisiert den Entwurf des niedersächsischen Sozialministeriums für eine neue Förderrichtlinie für Frauenhäuser. Sie schreibt:.

Mit Entsetzen habe ich den Artikel zum Ministeriumsentwurf der Förderrichtlinie für Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffen sind, gelesen. Ich frage mich immer öfter, warum die Leute, die so etwas auch nur in Betracht ziehen, so völlig an der Realität vorbei leben.

Es soll gemäß dieser Richtlinie einen Richtwert der Dauer in einem Frauenhaus von drei Monaten geben. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass dies aufgrund der Lage auf dem Wohnungsmarkt und der langwierigen Beantragung von Hilfen (etwas, was Dank der Behörden/Regierung auch nicht mal eben auf kurzem Wege möglich ist) völlig unmöglich ist.

Irgendwo habe ich gelesen, dass das Ministerium keinen Zusammenhang zum Wohnungsmarkt sieht. In welcher Welt leben die denn? Also ein realistischerer Richtwert wäre doch hier neun Monate. Dann wird an dem Betreuungsschlüssel auch geschraubt. Notwendig, gemäß den Frauenhäusern, ist 1 zu 4. Das heißt, dass eine Betreuungsperson je vier belegten Plätze gefördert wird. Das Ministerium will mit der Richtlinie den Betreuungsschlüssel 1 zu 8 umsetzen. Also warum nimmt man nicht erst mal den Richtwert 1 zu 6 und schaut, wie es funktioniert?

Die Richtlinie ist meines Erachtens nur dafür da, um Geld zu sparen – und das auf dem Rücken der Ärmsten. Da macht man so viel Propaganda über Gewalt in der Familie und lässt die Opfer dann im Stich, indem man sie nach drei Monaten in eine noch völlig ungeklärte Zukunft entlässt mit wenig Betreuung. Wie viele davon werden es unter diesen Umständen schaffen?

Gemäß Schwarzbuch der Steuerzahler im Herbst 2020 zahlen wir Steuerzahler jährlich 92 000 Euro für die Unterhaltungskosten des leer stehenden BVL-Geländes in Braunschweig. Dann sind die Baukosten für die Friesland-Umgehung 22 Millionen teurer als geplant aufgrund einer Planungspanne bei einer Bahnquerung und so weiter. Dann zahlten wir Steuerzahler wegen Versäumnissen bei der Gestaltung des Kaufvertrages mit der Klosterkammer für das Areal am „Kattenberg“ in Goslar 2,8 Millionen. Und wir Steuerzahler haben kein Geld, um diesen armen von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen. Wie traurig. Ich schäme mich. Heiderose Behrens, Schwienau

Leserbriefe geben die Meinung des Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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