Leserbrief: „Energiewende bedingt eine Verkehrswende“

Ausbau der Amerikalinie: „Die unabwendbare Energiewende bedingt eine Verkehrswende mit Stärkung der Position der Eisenbahn“, so AZ-Leser Rudolf Breimeier.
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Ausbau der Amerikalinie: „Die unabwendbare Energiewende bedingt eine Verkehrswende mit Stärkung der Position der Eisenbahn“, so AZ-Leser Rudolf Breimeier.

Zum Leserbrief „Nicht der Weisheit letzter Schluss“, AZ vom 23. Oktober, erreichte die Redaktion diese Zuschrift:

In der Diskussionsveranstaltung am 7. Juli 2015 in Lüneburg hat die Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmannnach einer Frage aus dem Publikum sinngemäß ausgeführt: Sollte sich nach Prüfung aller Fakten der von ihr vorgeschlagene dreigleisige Ausbau der Strecke Lüneburg–Uelzen als nicht zielführend erweisen, würde sie statt einer alternativ notwendigen Viergleisigkeit der Strecke eine Neubaustrecke vorziehen. Zu vermuten ist, dass Frau Lühmann – sie hat frei vorgetragen – sich nicht mehr an jedes Wort erinnern kann, das sie an dem besagten Abend geäußert hat. Für den am 7. Juli anwesenden Autor dieser Zeilen erregte der vermeintlich unglaubwürdige Satz jedoch ein derartiges Aufsehen, dass er sich in das Gedächtnis geradezu eingebrannt hat. Da Frau Lühmann jedoch von der alleinigen Sinnhaftigkeit der Dreigleisigkeit überzeugt war, hatte die Betrachtung einer Alternative für sie damals keine Bedeutung.

In den Protokollen des Dialogforums sind sämtliche öffentlichen Diskussionsbeiträge entsprechend den Tonaufzeichnungen mit akribischer Genauigkeit festgehalten worden. Allein der mündlich – wahrscheinlich bereits am 11. September 2015 in Celle – vorgetragene, wichtige sinngemäße Satz von Herrn Bischoping fehlt: Die Bahn schließe für die Zukunft Neubauten nicht aus. Quittiert wurde diese Aussage mit einem Proteststurm der meisten Anwesenden. Dieses Ereignis ist also nicht – wie geschehen – zu bestreiten.

Inzwischen ist die Zeit über das Ergebnis des Dialogforums vom Oktober 2015 hinweggeschritten. Maßstab der Planungen im Schienenpersonen-Fernverkehr ist der „Deutschlandtakt“ mit kürzeren Fahrzeiten und einer Verdichtung des Angebots. Im Dezember 2015 hat sich die Bundesregierung außerdem zum UN-Klimaabkommen von Paris verpflichtet, das eine Reduzierung der klimaschädlichen CO2-Emissionen innerhalb der nächsten Jahrzehnte in erheblichem Ausmaß vorsieht. Dies bedeutet insbesondere für den energie-intensiven Kraftverkehr Konsequenzen, die zumindest auf dem Gebiet des Güter-Fernverkehrs noch verdrängt werden. Abhilfe kann nur die mit Ökostrom betreibbare Eisenbahn bieten, die zu ertüchtigen ist. Auch elektrische Lkw bieten keinen Ausweg, sie benötigen im Vergleich mit elektrischen Güterzügen für die Beförderung derselben Gütermasse rund die dreifache Energiemenge. Werden auf Ökostrombasis mit Hilfe von Wasserstoffgas erzeugte synthetische Treibstoffe vorgesehen, vergrößert sich der energetische Nachteil des Straßenverkehrs gegenüber dem Verkehr auf der Schiene auf das Fünf- bis Sechsfache. Die unabwendbare Energiewende bedingt eine Verkehrswende mit einer Stärkung der Position der Eisenbahn, die über das im Dialogforum diskutierte Niveau weit hinausgeht. Angesichts dieser Fakten Neubauten von Autobahnen voranzutreiben, die vor allem dem Straßengüterverkehr zugute kommen, notwendige Neubauten einiger weniger Eisenbahnstrecken hingegen zu verhindern, erscheint anachronistisch. Rudolf Breimeier, Bad Bevensen

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