Der Leser hat das Wort

Leserbrief: Bildung gegen Wand gefahren

Dass immer mehr Jugendliche ihr Abitur machen und anschließend studieren, ist für Karl Jongeling Ursache des Mangels an Auszubildenden.
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Dass immer mehr Jugendliche ihr Abitur machen und anschließend studieren, ist für Karl Jongeling Ursache des Mangels an Auszubildenden.

Zum Artikel „Ausbildungskrise durch Corona“ (AZ vom 19. November).

Die Wirtschaft klagt über zunehmenden Facharbeitermangel. Handwerksbetriebe finden keine Auszubildenden. Das wird jetzt auf Corona zurückgeführt. Ich denke, mit der Erklärung macht man es sich zu leicht, denn der Mangel an Facharbeitern begann doch schon früher.

Ich denke an die Zeit vor 50 oder 60 Jahren zurück, als wir noch ein gegliedertes Schulsystem hatten. Mit einem ordentlichen Hauptschulabschluss fanden die jungen Leute leicht einen Ausbildungsplatz, wo sie zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet wurden. Auch die Absolventen der Förderschulen, damals noch Sonderschulen genannt, fanden eine Arbeitsstelle.

Mit dem Mittelschulabschluss, der „Mittleren Reife“, bekamen die jungen Leute Ausbildungsplätze als Bürokaufleute oder in der Verwaltung – natürlich erst recht im Handwerk. Mit ihrer Berufsausbildung waren sie mit 18, spätestens 20 Jahren fertig und verdienten ihr eigenes Geld.

Das Abitur machten in den fünfziger Jahren drei Prozent eines Jahrgangs. Die Durchschnittsnote war selten besser als zwei. Ein Abiturient des Jahrgangs 1967 hielt 2017 den Festvortrag bei der Abiturientenentlassungsfeier des HEG. Er hatte es zum erfolgreichen Universitätsprofessor gebracht. Zu Beginn seines Vortrags projizierte er eine 3 auf die Leinwand. Das war seine Abiturnote.

Und heute? In Hamburg machen 55 Prozent aller Schülerinnen und Schüler das Abitur. Bei vielen steht als Durchschnittsnote eine Eins vor dem Komma. Das Abitur bedeutet bekanntlich die Hochschulreife, und natürlich wollen die jungen Leute damit studieren. Wer möchte sich schon die Hände schmutzig machen?

Bafög macht das Studieren möglich. Dann verbringen sie eine schöne Zeit an einer Uni, wo sie ein „Laberfach“ studieren. Nach einigen schönen Jahren brechen 40 Prozent das Studium ab. Doch was fängt man mit 23 Neues an?

Deutschland hatte einmal ein von vielen bewundertes Bildungssystem. Mit den dauernden Reformen wurde die Bildungsnation Deutschland gegen die Wand gefahren. Jetzt mangelt es an Facharbeitern, jedoch haben wir viele Leute, die „labern“ und demonstrieren können, aber den Eltern oder dem Staat auf der Tasche liegen. Karl Jongeling, Uelzen. Leserbriefe geben die Meinung des Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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