Was ist mit der Gewaltbereitschaft von Polizisten?

Leserbrief zum AZ-Bericht vom 23. Dezember 2013, Werner Kolbe, ”Auf dem Rücken der Polizisten":

Wohl wahr! “Das ist erst der Anfang”, schreibt Benjamin Heller in der AZ vom 23.12. “Die schweren Krawalle spiegeln die erschreckend gestiegene Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten in ganz Deutschland wieder”, schreibt Werner Kolbe. Und was ist mit er erschreckend gestiegenen Gewaltbereitschaft von Polizisten? Schon mal was von Ursache und Wirkung gehört? Während sich Kolbe in Metaphorik flüchtet (”Auf dem Rücken der Polizisten“), um dem Leser zu suggerieren, die ”armen Schweine” von der Polizei hätten das auszubaden, was ihnen die Politik eingebrockt hat, haben Hunderte von Demonstranten ganz real das ihnen aus geringster Entfernung in Augen und Gesicht gesprühte hochgefährlichen Pfefferspray und die brutalen Polizeiknüppel auf ihren Köpfen gespürt, die - im Gegensatz zu den ”Bullen“-Köpfen nicht durch Helme geschützt waren, weil Schutzhelme von Demonstranten zynischerweise unter das sog. ”Vermummungsverbot" fallen.

Werner Kolbes Kommentar ist Von A bis Z Windbeutelei. In der Pflege des Feindbildes seiner sprichwörtlichen Linken-Aversion ist er kein objektiver, kritischer Beobachter, sondern einseitig befangen. Polizei und Medien haben das Klima schon Tage vor der für den 21.12. angemeldeten Demonstration medienwirksam gewaltig aufgeheizt, indem sie ein Hamburg bedrohendes Horrorszenerio förmlich herbei phantasierten. Ohne die geringste Verifizierung stuften sowohl manche Medien als auch die Polizei die Hälfte der erwarteten rund 10.000 Demoteilnehmer als gewaltbereit ein.

Per Twitter titulierte der stellvertretende Landesvorsitzende Hessen der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Björn Werminghaus, die Demoteilnehmer als ”gewalttätigen Abschaum”. Per Verordnung wurde - bisher einmalig in der Geschichte der BRD - Hamburgs Innenstadt amtlicherseits zum ”Gefahrengebiet“ erklärt, was der Polizei die Möglichkeit eröffnete, völlig willkürlich und ohne Angabe von Gründen Menschen zu durchsuchen, sie stundenlang in Gewahrsam zu nehmen oder Platzverweise zu erteilen.

Sowohl von ihrer, die Menschen provozierenden martialischen Ausrüstung, als euch von ihrem aggressiv-militanten Auftreten her, treten die über 5.000, aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengezogenen Polizisten auf wie Hooligans in Uniform. Zwar kann man möglicherweise kritisieren, dass die Demoteilnehmer sich von alledem und nachdem sie - überwiegend jedenfalls - diszipliniert loszumarschieren gedachten, aber bereits nach nur 20 Metern von Polizeiketten gestoppt worden waren und erklärt wurde, die Demo sei aufgelöst, sich Von der Polizei haben provozieren lassen. Solche Vorhaltungen halte ich für moralisch abgehoben, für oberlehrerhaft und arrogant. Der Mensch besteht nun mal nicht nur aus Kopf, sondern auch aus “Bauch”.

Wer Gorleben, Heiligendam, Stuttgart 21, Blockupy/Frankfurt usw. hautnah miterlebt oder die Bilder von dort heute noch vor Augen hat, weiß, mit welcher Brutalität die Polizei gegen begründet Widerstand leistende Menschen vorgehen kann.

Wolfgang Lettow vom Netzwerk politischer Gefangener (political prisoners), Hamburg

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