AZ-Leserbriefe

Die Lehren aus Corona

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Es sollte wie in asiatischen Ländern eine Pflicht zum Tragen eines Mundschutzes geben, meint AZ-Leser Frank Nierath.

Zur Corona-Krise erreichten die Redaktion folgende Zuschriften:

Selten ist es mir so schwergefallen, zu etwas Stellung zu nehmen, wie dies bei diesem Leserbrief der Fall ist.

Herr Brehm beschreibt ein Szenario über die von ihm vermuteten Folgen der Corona-Epidemie, die nur eintreten können, wenn große Teile der Bevölkerung sich seiner Denkweise anschließen. Und dies womöglich auch noch durch überzogene Medienberichte forciert wird.

Welche menschlichen und wirtschaftlichen Folgen die Corona-Epidemie tatsächlich haben wird, werden wir erst Monate nach Beendigung der Epidemie wissen. Und dann auch erst wissenschaftlich korrekt daraus die Lehren für zukünftige ähnliche Situationen ziehen können. Und zwar durch den Vergleich mit den Ergebnissen der unterschiedlichen Maßnahmen, die in den verschiedenen Regionen getroffen wurden. Wobei dann auch die Unterschiedlichkeit, wie zum Beispiel die Bevölkerungsdichte und Infrastruktur in den einzelnen Regionen, gebührend berücksichtigt werden muss.

Der sich heute als „Macher“ aufplusternde Österreichische Bundeskanzler Kurz und die Behörden in Ischgl haben leider in der Realität genau das getan, was Herr Brehm fordert: nämlich nichts. Und so die sehr hohe Verbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Virus erst ermöglicht.

Sie müssten dafür „zur Kasse gebeten werden“. Die die Regierungen beratenden Virologen haben den Spitzenpolitikern ganz sicher einige Informationen mehr an die Hand gegeben, als das, was veröffentlicht wurde. Und den Politikern so ermöglicht, die hoffentlich richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein Vergleich der Folgen des Corona-Virus mit den Folgen der Grippe-Viren ist alleine schon deshalb nicht möglich, weil die schwer am Grippe-Virus-Erkrankten konventionell behandelt werden können, dagegen die schwer am Corona-Virus-Erkrankten Hochleistungsmedizin und die viel zu wenig vorhandenen Beatmungsgeräte benötigen.

Ich bin Optimist und glaube, dass wir die Corona-Epidemie wohl bis Ende Mai weitestgehend überwunden haben. Und schon einige Zeit vorher für viele besonders wichtige Bereiche die jetzt geltenden Maßnahmen aufgehoben oder zumindest weitgehend gelockert werden können. Wenn sich alle wirklich an die derzeitigen Beschränkungen halten.

Die Regierungen, Parlamente und Räte in Deutschland haben einen weiten Rettungsschirm gespannt, der ganz sicher nicht jedes Unternehmen und jeden wirtschaftlich Tätigen vor der Insolvenz bewahren wird, aber dennoch „der großen Masse“ ein „über die Runden kommen“ ermöglichen wird. Zu den Opfern werden die Leistungserbringer gehören, deren Leistungen nicht zu einem späteren Zeitpunkt nachgeordert werden können. Wie zum Beispiel Bekleidungsgeschäfte, Gärtnereien, teilweise die Landwirtschaft und Ähnliches.

Wir werden eine extrem hohe Verschuldung der öffentlichen Haushalte und Sozialkassen und in circa fünf bis zehn Prozent der privaten Haushalte mittel- bis langfristig stark reduzierte Einnahmen haben.

Und die Corona-Epidemie wird hoffentlich auch Positives bewirken: Die Politiker und Wirtschaftler werden gelernt haben, dass sparen um jeden Preis uns teuer zu stehen kommt. Und die Produktion bestimmter Dinge im Lande bzw. in der EU zum Überleben bei der nächsten Epidemie unverzichtbar sind.

Norbert Blazytko, Nateln

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Ich bin kein Mediziner, aber die Visionen, die Professor Karl Lauterbach in Maybritt Illners letzter Talkrunde am Donnerstag entwickelt hat, fand ich nachdenkenswert. Um welche Szenarien ging es?

Erstens: Es werden alle Risikogruppen und Älteren so gut es geht zu ihrer eigenen Sicherheit isoliert und der Rest der Bevölkerung durchseucht, wie es offiziell in der Medizinersprache heißt, bis eine Herdenimmunität bis zu 70 Prozent erreicht ist. Problem: Was passiert, wenn die isolierten Gruppen sozusagen wieder in die Freiheit entlassen werden – besteht dann noch Gefahr, weil 70 Prozent nicht 100 Prozent sind? Zweitens: Die Kontaktsperren, Ausgangsbeschränkungen, Schul- und Geschäftsschließungen werden sukzessive aufgehoben, sobald ein Abflachen der Infektionskurve festgestellt wird. Alle Beschränkungen werden jedoch umgehend wieder auf lokaler Ebene punktuell verhängt, sobald die Kurve wieder ansteigt, das sogenannte Wellen-Modell. Problem: Was passiert, wenn der Virus bei diesem Hin und Her außer Kontrolle gerät? Drittens: Die Beschränkungen werden so lange aufrechterhalten, bis entweder ein Medikament oder ein Impfstoff zur Verfügung stehen. Problem: Halten die Geschäfte, Schulen und alle öffentlichen Einrichtungen wie Museen, Theater, Schwimmbäder, Opernhäuser, Sportstätten und so weiter einen so langen Zeitraum überhaupt durch? Sicherlich nicht. Gibt es daneben noch weitere Szenarien?

Was also tun? Zuerst sollte wie im asiatischen Raum per Gesetz eine Mundschutzpflicht eingeführt werden, wenn sie auch nur ein wenig die Infektionsgefahr eindämmt, aber immerhin – besser als gar nichts. Problem: gibt es für 83 Millionen Deutsche genügend Mundschutzmasken?

Auf jeden Fall wird es sowohl für Politiker als auch Wissenschaftler enorm schwer, eine Entscheidung zu treffen, aber eine Entscheidung muss und wird zwangsläufig kommen. Wir werden sehen.

Frank Nierath, Ostedt

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In der Krise ist gut moralisieren: Ich gehöre zu der Risikogruppe der renitenten Alten, die wohl immer noch nicht den Ernst der Lage erfasst haben. Ich schlage folgendes Vorgehen gegen uns vor: Man stelle vor jeden Einkaufsmarkt für den täglichen Bedarf (ich selbst kaufe nur wöchentlich ein) eine kurz geschulte Ordnungsperson, die jede und jeden kontrolliert, der oder die in die Senioren-Kategorie passt. Personal gibt es unter den in Kurzarbeit Geschickten genug, die ja, wie Minister Heil bei „Hart aber fair“ ausführte, bis zur Höhe ihrer bisherigen Einkünfte dazu verdienen dürfen. Diese Ordnungsperson kontrolliert die Personalausweise und verwehrt den über 70-jährigen – irgendwo muss ein Schnitt sein – den Zutritt zum Geschäft. Wer nicht freiwillig umkehrt, wird von zwei weiteren kurz geschulten Ordnungskräften gepackt und in einen Sammeltransporter gesetzt.

Wenn genug Alte eingesammelt sind, fährt der Transporter zu einem Corona- beziehungsweise Containerdorf, das extra für diesen Zweck an einem entlegenen Ort errichtet wurde. Hier erhält jeder und jede Eingesammelte eine Wohnwabe, im Volksmund Zelle genannt, im Amtsdeutsch „Haftraum“. Die Tür zur Wohnwabe wird mit einer Durchreiche (im Amtsdeutsch: „Kostklappe eines besonders gesicherten Haftraums“) versehen, durch die die Alten dreimal täglich eine Mahlzeit erhalten. Die Kosten dafür werden nach Ende der Corona-Pandemie dem Delinquenten in Rechnung gestellt. Will der Insasse der Servicekraft, die ihm die Mahlzeit bringt, etwas mitteilen, wird der Insasse bevormundet, indem man ihm einen Mundschutz verpasst. Das liest sich etwas polizeistaatlich, lässt sich aber wohl nicht anders handhaben. Schon einmal war zu meiner Kindheit eine sogenannte „Schutzhaft“ eine geübte Methode. Sollte es mit mir mal soweit kommen, beantrage ich jetzt schon beim zuständigen Gesundheitsamt, mir einen Ergometer in die Wabe zu stellen, damit ich (78) meine tägliche Radtour von 15 bis 20 Kilometern auf diese Weise absolvieren kann.

Horst Mantzel, Suhlendorf

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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