Kirchen sollten „Alleinherrschafts-Anspruch“ aufgeben

Bibel als einzige wahre Lehre? Andrea Burmester sieht die Religion als Weltdeutungsmodell, und davon gebe es mehrere. foto: dpa

Leserbrief zum Artikel „Die unbekannte Bibel“, in dem Landesbischof Meister von einem „religiösen Analphabetismus“ spricht, AZ vom 15. Februar:.

Ich zitiere Ihre Worte vom Kirchenkongress in Hannover: „Eine entchristlichte Welt führt zwar nicht zu einer Gesellschaft ohne Werte, ..., aber die Fähigkeit, Mitleid und Fürsorge zu entwickeln, wird geringer.“ Sie sind also der Meinung, Christen seien die besseren Menschen.

Hm, war die Welt denn besser, gerechter oder barmherziger, als viele Menschen noch die Geschichten aus der Bibel kannten? Die Geschichte der Kirche erzählt etwas anderes. Kein Wunder, es stehen auch jede Menge böser Geschichten von Gewalt, Krieg, Vergewaltigung, Intoleranz, Frauenverachtung und Rassenhass in Ihrem dicken, alten Buch. Mitleid und Fürsorge entwickeln christlich orientierte Menschen nicht in stärkerem Maße als Anders- und Nichtgläubige. Sehen Sie sich doch mal um, was es neben Ihrer Diakonie noch alles so gibt in unserer Gesellschaft.

Wozu braucht der Mensch eigentlich Religion? Religionen sind Weltdeutungsmodelle. Sie bieten ein Regelwerk, um in dieser keineswegs perfekten Welt zurechtzukommen, miteinander zu leben und einen Sinn im Leben zu finden. Neben den religiösen gibt es eine ganze Reihe nicht-religiöser Weltdeutungsmodelle. Was macht ein gutes Weltdeutungsmodell aus? Es weist seinen Anhängern Wege, auf denen sie friedlich mit ihren Mitmenschen leben können (egal was diese glauben oder nicht). Vielleicht sollten die christlichen Kirchen akzeptieren, dass sie nur ein Sinnanbieter unter vielen anderen gleich guten sind. Und sich mehr um Vernetzung mit diesen bemühen, als stur auf ihrem Alleinherrschafts-Anspruch im „christlichen Abendland“ zu bestehen. Den hatten sie nur kurze Zeit, und das ist lange her.

Unseren Vorfahren, den Sachsen, wurde die christliche Religion mit Gewalt aufgezwungen. Karl der Große unterwarf die Sachsen in einem 33 Jahre währenden Krieg und zwang ihnen den christlichen Glauben auf. Wer sich nicht dem Kirchengesetz unterwarf und weiter alte heidnische Riten lebte, wurde mit dem Tode bestraft. Soviel zum Thema Mitleid und Fürsorge als explizit christliche Tugenden.

Also, Herr Landesbischof, wie Sie darauf kommen, die Christen seien die besseren Menschen, das müssen Sie mir bei Gelegenheit doch mal genauer erklären.

Andrea Burmester,

Jelmstorf

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